Predigt · Einweihungsgottesdienst der Orgel · 22. August 2021 · Pfarrerin i.R. Ruth Misselwitz ·

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Markus 7, 31 – 37

Liebe Schwestern und Brüder,
nun ist es vollbracht – die neue alte Orgel steht in all ihrer Erhabenheit und Klangfülle auf der Empore unserer Kirche und berauscht unsere Sinne. Gestern hat sie unser Bischof in den Dienst genommen, dass sie fortan zur Ehre Gottes, zu unserer Freude und zu unsrem Trost erklinge. Fünf Jahre hat die Orgelgruppe daran gearbeitet. Das ist im Verhältnis zu der Geldsumme und den dazugehörigen organisatorischen, technischen, politischen und zwischenmenschlichen Herausforderungen eine relativ kurze Zeit. Gestern hat unser Schirmherr Wolfgang Thierse den Brief erwähnt, in dem ich ihn um die Schirmherrschaft bitte. Er war von 2018 datiert – also vor drei Jahren. Als die Zusage von der Lottostiftung kam, ca. die Hälfte der Kosten zu übernehmen, gab es kein Zurück mehr.

Woher nahmen wir den Mut, die Kraft und die Zuversicht solch ein Projekt zu stemmen, das in einer Zeit, wie der heutigen für manch einen als verrückt oder sogar fehl am Platz erschien? Warum eine Orgel bauen, wenn es überall an Geld fehlt, wenn die finanziellen Ressourcen immer knapper werden? Wäre es nicht viel sinnvoller, ein soziales Projekt zu unterstützen, für die Flüchtlingshilfe Geld zu sammeln oder sich stark zu machen für umweltschonende oder tierschützende Institutionen? Alles richtig – und ich weiß von vielen, die sich für die Orgel eingesetzt haben, dass sie auf all diesen Feldern auch sehr aktiv sind. Unterschiedliche Meinungen über dieses Vorhaben hat es auch in unserer Gemeinde gegeben.

Was hat uns dennoch motiviert, eigensinnig – ja starrköpfig an diesem Projekt festzuhalten? Da gab es sicherlich vielerlei Gründe, die bei dem einen oder der anderen eine unterschiedliche Rolle spielten. Ich kann von mir sagen, dass mich gerade dieses scheinbar Absurde herausgefordert hat.
Da wollen wir eine Orgel bauen von einem Orgelbauer, der vor 150 Jahren seine Spuren in der Berliner Orgellandschaft hinterlassen hat und von dem keine einzige mehr übriggeblieben ist.

Da bauen wir in einer Zeit, in der alle Konzertsäle geschlossen werden, größere Menschenansammlungen verboten werden, die meisten Kirchen geschlossen sind und Kunst und Kultur nur noch virtuell zu erleben ist. Aber wir mussten Benefizveranstaltungen machen, um das Geld zusammen zu kriegen. Wir haben diese Benefizveranstaltungen – wunderbare Konzerte und kulturelle Programme – durch die dunkelsten Zeiten getragen. Musikalische Andachten – unter Einhaltung aller Hygieneregeln und Vorsichtsmaßnahmen – fanden nun statt. Und nicht ein einziges mal wurde unsere Kirche zu einem hotspot für den Coronavirus – Gott sei Dank!!!
Wie viel Dankbarkeit haben wir bei den Besuchern und den Kulturschaffenden erlebt. Und ich empfand die geistlichen Worte, die ich finden musste, als eine besondere Herausforderung, weil sie an Menschen gerichtet waren, die nicht zum normalen Gottesdienstumfeld gehörten. Ein Schatz, der unbedingt in das zukünftige Gemeindeleben integriert werden sollte. Wir haben in dieser Zeit erlebt, das Musik und Kultur überlebenswichtige Nahrungsquellen sind. Sie schaffen Gemeinschaft, trösten die verwundete Seele und geben wieder Kraft für den Alltag.
All diese Erfahrungen werde ich zukünftig mit dieser Orgel verbinden. Sie ist für mich der lebende Beweis für die Strahlkraft von Musik, Kultur und Gemeinschaft in dunklen Zeiten. Ihre Planung, ihr Bau und ihre Fertigstellung sind Zeichen der Hoffnung gegen Resignation und Mutlosigkeit.

Liebe Schwestern und Brüder,
wenn in unseren Kirchen Musik erschallt, dann wollen wir nicht zu unserer Ehre, sondern zur Ehre Gottes singen und spielen. Wir sind voller Dankbarkeit, dass uns Gott die Sinne geschenkt hat, zu hören, zu reden und zu singen. Die Geschichte, die wir vorhin aus dem Markusevangelium gehört haben, erzählt aber auch von einem Menschen, der nicht hören und nicht reden – also auch nicht singen konnte. Taubstumm zu sein bedeutet, weder die Töne um mich herum wahrzunehmen, noch solche Töne weiter geben zu können. Und das bedeutet, einsam, isoliert, abgeschnitten zu sein von einer Welt, die voller Klangfarben und Ausdrucksmöglichkeiten ist.
Wir kennen solche Menschen und die Kunst, durch Gebärdensprache sie in unsere Welt mit hineinzunehmen, ist eine große Errungenschaft. Solche Krankenheilungen wirken auf uns, die wir in einer aufgeklärten und wissenschaftlichen Welt leben, eher befremdlich. Als ich aber 1993 für 3 Monate zu einem Studienurlaub in Südafrika weilte, gehörten in den schwarzen Gemeinden solche Geschichten durchaus zum Alltag.
Ich möchte jetzt nicht der Frage nachgehen, ob die Geschichte nun wahr ist oder nicht, ich möchte vielmehr der Frage nachgehen, was das für uns hier und jetzt bedeutet, taub und stumm zu sein. Auch wenn wir die Klänge um uns herum wahrnehmen und uns am allgemeinen Geplauder beteiligen,
kann es durch aus sein, dass wir taub und stumm sind. Durch was für Ereignisse auch immer, kann es geschehen, dass wir unsere Ohren, unsere Augen und unseren Mund verschließen und gefangen sind in unserer Einsamkeit und Isolation. Jesus nimmt den Taubstummen zur Seite, legt ihm die Finger in die Ohren und berührt seine Zunge mit Speichel. Alles sehr handfeste Berührungen – keine esoterischen Düfte oder lieblichen Klangschalen.


„und er sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata! das heißt: öffne dich.“ Öffne dich – so fordert Jesus den Taubstummen auf – als ob das so einfach ginge. Aber es geht: „sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich und er redete richtig.“
Hört man genau hin, so redet man auch richtig. Achte ich auf die hohen und die tiefen Töne, die lauten und die leisen, die freudigen und die traurigen, so wird auch meine Sprache einfühlsamer und bedachter. Wenn die Sinne geschärft sind, dann höre ich das Seufzen aber auch den Jubelgesang der Natur und dann hat das Einfluss auf meine Stimmungslage, mein Reden und mein Handeln.

Liebe Schwestern und Brüder,
so ist das auch mit dem Musizieren. Alle, die in einem Chor singen oder in einem Orchester spielen wissen, wie wichtig das aufeinander Hören ist. Miteinander zu musizieren, gehört wohl zu den höchsten kulturellen Errungenschaften der Menschheit, es fördert die Gemeinschaft, die Solidarität, das Mitgefühl und das eigene Selbstbewusstsein.
Die Orgel – die Königin der Instrumente – vereinbart all diese Eigenschaften in ihrem Klangkörper, sie ist ein riesiges Orchester. Unsere Orgel hat über 1500 Pfeifen – riesengroße und winzig kleine, aus denen ganz tiefe, dunkle und überaus hohe und spitze Töne strömen und dazwischen Töne in allen möglichen Farben und Schattierungen. Kunstvoll und fachmännisch bedient, erklingt die Orgel in wunderbarer Fülle und Harmonie. Eine unkundige und gefühllose Hand erzeugt Dissonanzen und Ohrenschmerzen.

Liebe Schwestern und Brüder,
möge Gott allen Menschen, die zukünftig an dieser Orgel spielen, diese gefühlvolle Hand geben, möge er uns allen, die wir hier um sie herum singen und musizieren, die Ohren und den Mund öffnen, damit unser Lobpreis zur Ehre Gottes sich mit den Engeln vereint und wir aufgehoben sind in dem Kreis der Kinder Gottes. Und auch wenn es melodische Unsicherheiten, Misstöne oder gar grober Fehler gibt, so wir wissen uns doch geborgen in der Liebe Gottes, die weit über unseren menschlichen Verstand reicht und die die ganze Menschheit vereinen will zu dem großen harmonischen Orchester, in dem jeder und jede ihren Platz hat. Amen.