Predigt · 28. März 2021 · Pastor Dr. Thies Gundlach

Posted on Mrz 28, 2021 in Uncategorized

Gnade sei mit uns und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen

Liebe Gemeinde,

ich mute Ihnen heute richtig was zu. Mehr als der Papst erlaubt:
Die römisch-katholische Kirche hat nämlich die Rache- und Fluchpsalmen aus dem liturgischen Gebrauch verbannt, ganz offiziell während des 2. Vaticanums. Und wir Protestanten vermeiden sie auch tunlichst. Selbst die frühen protestantischen Komponisten Schütz, Schein und Scheidt haben sie m.W. nicht vertont. Und natürlich finden sich im Gebetsteil unseres Gesangbuches auch keine Rache- oder Fluchpsalmen, man muss schon in der Bibel nach Psalm 58, 69 oder 109 suchen; oftmals sind es aber nur wenige Zeilen in einem Dank- oder Lobpsalm, die dann rausgelassen werden. Fluchpsalmen widersprechen einfach zu direkt christlichen Werten und moralischen Vorstellungen, die Liebesethik kommt nicht vor, die Barmherzigkeit fehlt und aggressiv ist ihre Bildsprache auch.

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Allerdings müssen wir auch aufpassen: diese Rache- oder Fluchpsalmen sind in der Geschichte der christlichen Kirchen allzu oft als Beleg für die christliche Überlegenheit über das AT und die Religion Israels genutzt worden. Man konnte das NT locker als Überwindung dieser „alttestamentarischen Gewaltphantasien“ herausstellen, – und der Antisemitismus war dann nicht mehr weit weg.

Deswegen will ich heute ein Plädoyer für die Rachepsalmen halten! Eine Art Liebeserklärung für eine verdrängte Dimension des Gebetes. Denn die Fluchpsalmen können uns befreien aus der geistlichen Komfortzone einer immer nur braven, immer anständigen Gebetsbürgerlichkeit. Beten ohne Rache, Fluch und Hasspsalmen ist wie ein brav aufgeräumtes Kinderzimmer – wünschenswert, aber unrealistisch. Denn mal ehrlich: Ich kenne keinen Menschen, der nicht flucht oder Rachegelüste oder Hassempfindungen kennt; und man hat den Eindruck, dass diese in letzter Zeit recht unqualifiziert ausgelebt werden – sei es im Netz, sei es auf der Straße. Wenn wir aber vor Gott unser ganzes Leben ausbreiten wollen, alle unsere Herzensseiten und auch dunklen Kellerräume, dann gehören solche Verwünschungen zwingend dazu. Und ich fürchte sagen zu müssen: Gott glaubt uns unsere Bravheit auch sowieso nicht.

Aber damit wir wissen, worüber wir eigentlich reden, lese ich uns als Predigttext den vielleicht berühmtesten und schwersten Rache- und Fluchpsalm vor. Es ist Psalm 109 und ich nehme mir Zeit, alle 30 Verse zu lesen, damit wir diese vielen Bilder und Metaphern auch wirklich hören und aufnehmen können: Psalm 109 vortragen

Hat so ein Psalm einen Sitz im Leben? Natürlich: jeder von uns erinnert vermutlich Situationen, in den er oder sie sich maßlos geärgert, tief gekränkt und verletzt, schwer gedemütigt und abgründig verraten gefühlt hat und den oder die Verursacherin so beschimpft hätte. Und vorhin hatte ich ja schon angedeutet, dass ich mir durchaus vorstellen kann, dass Jesus nach seiner Gefangennahme und während seines Kreuzweges auch diese Seite in sich gehabt hat: erst jubelt ihr mir zu und jetzt spottet ihr ob meines Leides. Wir stellen uns Christus in der Passion meist als still Leidenden vor, als klaglos Duldenden, aber vielleicht ist das viel zu harmlos gedacht. Kann er nicht auch mit Hilfe der Psalmen die Soldaten verflucht und die Spötter beschimpft haben, die ich zusetzen?

Aber ich will ihnen einen modernen Ort nennen, an diese Fluchpsalmen plötzlich eine ganz neue Plausibilität und Berechtigung bekommen. Auf dem Hintergrund eigener Mißbrauchserfahrungen als Mädchen und Frau hat Carola Moosbach (* 1957) eine Aktualisierung der Fluchpsalmen formuliert; hören Sie selbst:

Ich fordere Deine Gerechtigkeit Gott, hilf mir, tritt Du für mich ein,
lass ihn zittern vor Angst, diesen Kinderseelenmörder,
zu einem Nichts schrumpfen soll seine Seele,
Du sollst mein Racheengel sein Gott, hilf mir, tritt Du für mich ein,
lass ihn nicht davonkommen, diesen ehrbaren Schrebergärtner,
erfinde die Hölle neu für ihn.
Du allein bist stärker als er Gott, hilf mir, tritt Du für mich ein,
lass meinen Körper wieder ganz allein mir gehören Gott,
schmeiß ihn aus meiner Seele
Nur Du kannst mich von ihm freikämpfen
Gott, hilf mir, tritt Du für mich ein
und sag Deinen Leuten sie sollen mit ihrem Gesäusel aufhören,
bis in die Schrebergärten muss man sie hören.
In mir tut alles so weh, Schwester Gott, hilf mir, tritt Du für mich ein,
lass es nicht diesen Dreckskerl sein, der als letzter lacht, Gott,
und erlöse mich von meinem Vater für immer. Amen“

Haben wir, liebe Gemeinde, noch ein Gespür für die Wahrheit solcher Verwünschungen? Haben wir vielleicht viel zu wenige Fluchpsalmen in unserem Gebets-Repertoire?

Ein Plädoyer für die Fluchpsalmen beginnt mit ihrer Würdigung als das, was sie immer auch waren: Ein erster Schritt zur Zivilisierung von Haß- und Rachegefühlen. Denn Sprache, Bilder, Gleichnisse und Geschichten für diese Gefühle zu finden und all die Verletztheit nicht mit roher Gewalt und tödlichen Aktionen auszuleben, sondern Sprache zu finden und zu nutzen, um der Seele Entlastung und Frieden zu geben, das ist ein grundlegender Beitrag zur Zivilisierung unserer Welt. Auch wenn es auf einer anderen Ebene liegt und schon etwas her ist: Ich war schon sehr froh, als meine Kinder lernten, nicht einfach zurückzuhauen, sondern ihre Gefühle in Sprache zu kleiden: „Du Idiot“ sagen ist besser als draufhauen. Und bis heute bin ich immer froh, wenn im öffentlichen Raum nicht dumpfe Schlägertrupps auftauchen, sondern aggressive Menschen reden. Dahinter steckt dieser uralte Gedanke, dass man mit Worten Realitäten und auch Gefühle bannen kann, gleichsam in ein Korsett transportiert und damit auch Grenzen zieht. Man gewinnt Macht über die Seelenlage, wenn man sie in Worte packen kann. So gesehen sind Israels Fluchpsalm eine erste zivilisatorische Leistung.

Der nächste Schritt klingt aber sowohl im unserem Psalm 109 wie in der Aktualisierung an: Im Kern geht es bei allen Hass- und Rachepsalmen um Gerechtigkeit und Fairness. Es geht um die Wiederherstellung von Ausgleich, alle hasserfüllten Bitten an Gott drehen sich darum, Ungerechtigkeit, Verfolgung, Übervorteilung, Demütigung und Missbrauch zu überwinden. Gott, sei Du mein Rächer, richte den Bösen, Gierigen und Schmierigen, die Feinde, die sich über mich erheben. Das ist die zweite zivilisatorische Leistung der Rachepsalmen: Gott soll der Rächer werden! Es geht nicht um Selbstjustiz, so nach dem Motto häufiger Hollywoodfilmen „Ein Mann/eine Frau sieht rot“ und sorgt mit einer Blutspur für seine Gerechtigkeit. Sondern Gott soll mein Rächer sein. Ich selbst bin elend und arm, ich kann die Gerechtigkeit nicht herstellen, aber Gott kann und wird dies für mich tun. „Die Rache ist mein…“ heißt es auch im NT (Röm 12, 19), und diese Delegation der Rache an Gott ist zweites zivilisatorisches Grundmuster, das viele, viele Genrationen später als Gewaltmonopol des Staates etabliert wurde.

Der dritte und entscheidende Schritt zur Zivilisierung von Rache und Haß geht so: Rache und Hassgefühle sind immer Teil unserer Seelenrealität, wir Menschen können diese Gefühle vielleicht verdrängen, aber nicht auflösen; und Verdrängung führt nur dazu, dass sie unbewusst ihr Unwesen treiben. Rachegefühle sind da, sie müssen gebändigt werden, sie müssen in Sprache, in Symbole und Rituale gefasst werden, damit sie kein Unheil anrichten. Hass und Rache können sozusagen kultiviert werden, indem sie in einer Gemeinschaft einen klaren Ort, eine offizielle Sichtbarkeit, ein regelmäßiges Ritual bekommen. Und genau diesen Gedanken hat ein berühmter katholischer Theologe (Renè Girard) sehr klug auf die Passionsgeschichte angewandt; der Gedanke geht in Kurzform so:

Rache und Hass gehören zum Wesen des Menschen, in jeder Gemeinschaft entstehen diese Gefühle aus Neid und Gier, sie sind sozusagen unausrottbar, weil man sich immer vergleichen kann. Deswegen braucht es einen Sündenbock, jemanden oder etwas also, das man aus der Gemeinschaft raussortieren kann, denn dann kann man sich hinter diesem gemeinsam erkannten Bösewicht wieder als Gemeinschaft versammeln und zusammenraufen. Der Sündenbock nimmt gleichsam alle bösen, dunklen Gefühle mit sich und entlastet damit die Gemeinschaft. Im Alten Israel wird das ja tatsächlich genauso gemacht am höchsten Feiertag Jom Kippur: ein Sündenbock wurde jedes Jahr beladen mit allen dunklen, hasserfüllten Gedanken und Gefühlen, mit allen „Sünden“ und ganz konkret in die Wüste geschickt, in der der Bock elendig verdurstete. Aber die Gemeinschaft kehrte entlastet und befreit zurück in ihren Alltag.

Wir Christen haben dieses Ritual in der Passions- und Ostergeschichte vertieft und erweitert: Christus wird hinausgestoßen aus der Gemeinschaft vor die Tore der Stadt und für uns alle ans Kreuz geschlagen, sodass wir uns hinter seinem Opfer wieder versöhnen und vertragen können. Christus trägt unsere Rache- und Hassgefühle, unsere Demütigungen und Verletzungen hinauf aufs Kreuz und mit seinem Tod sterben sie gleichsam mit. Und wir sind frei, ledig und los, wir können uns wieder einander zuwenden und eine Gemeinschaft ohne Haß und Rache werden. Und weil dieser „Sündenbock“ niemand anders ist als Gottes Sohn, also letztlich Gott selbst, deswegen sind seither alle anderen „Sündenböcke“ überwunden, sie sind unnötig geworden, denn mehr als dass Gott selbst sich zum Sündenbock macht, ist nicht zu bekommen. Deswegen ist Jesus Christus „ein-für-alle-mal-für-alle- gestorben“, niemals wieder braucht es einen Sündenbock, kein Nachbar muss noch herhalten, kein anderes Volk, auch keine Migranten, keine Frauen und keine Fremden – und natürlich auch kein erwähltes Volk. Denn in Christus hat Gott die Welt so geliebt, dass er sich selbst zum Sündenbock macht, und mit Ostern zeigt, dass alle Rache und aller Haß und alles Verfluchen mitgestorben und überwunden ist in diesem Opfergang.

Natürlich, liebe Gemeinde, das alles erschließt sich nur den Glaubenden, jedes Ritual, jede symbolische Handlung wird leer und hohl, wenn sie nicht mit ganzer Seele mitvollzogen wird. Jahr für Jahr, immer wieder, immer neu. Zuschauern können wir keine Entlastung anbieten, pure Beobachter können wir nicht erlösen. Deswegen müssen wir jedes Jahr immer noch einmal in die Passions- und Ostergeschichten hineinge-sogen werden, wir müssen wieder ahnen und spüren, dass es nicht darum geht, dass damals am Rande des Weltgeschehens ein Mann namens Jesus aus Nazareth gekreuzigt, gestorben und begraben wurde – wie so ungezählt viele vor und nach ihm auch. Sondern dass damals etwas geschah, was in Erinnerung und Mitfeiern mich und dich und uns alle auch heute noch entlasten und befreien kann. Denn seit 2000 Jahren lautet doch der Kern diese Geschichte gerade im Blick auf die Fluch- und Rachepsalmen: Ja, ich will dir helfen, du kannst mit mir rechnen, ich sehe dein Elend, deinen Jammer, ich sehe auch deine Hass und Rachegefühle und ich helfe dir, ich rette dich heraus aus all den Gefangenschaften deiner Seele, die dich unfrei machen. Und deswegen kann Dein Gebet so enden wie Psalm 109:
„Ich will dem Herrn sehr danken mit meinem Munde und ihn rühmen in der Menge. Denn er steht dem Armen zur Rechten, dass er ihm helfe von denen, die ihn verurteilen.“ (Psalm 109, 30f). Amen