Predigt · Exaudi · 2. Juni 2019 · Pfarrer Michael Hufen

Posted by on Jun 10, 2019 in Predigten, Uncategorized | No Comments

Johannes 14, 15 – 19

Liebe Gemeinde,
Jesus ist weg.
Am vergangenen Donnerstag haben wir seiner Himmelfahrt
gedacht.
Nach den Berichten der ersten 3 Evangelien ist Himmelfahrt,
der Abschied von seinen Anhängern, der Abbruch des durch
die irdische Gegenwart Jesu bestimmten Verhältnisses Gottes
zu den Menschen.
Die neue Dimension des Verhältnisses Gottes zu den
Menschen ist bereits angekündigt. Jesus will den Menschen
den Geist Gottes senden.
Etwas salopp könnte man nun sagen: am Sonntag Exaudi sind
wir in einer Zwischenzeit, Jesus ist schon gegangen, wir haben
schon Abschied von ihm genommen und der verheißene Geist
ist noch nicht da.
Wir wissen, dass der verheißene Geist Pfingsten über die
Jünger und Anhänger gekommen ist. Aber unser Kirchenjahr
ist ja nun einmal darauf angelegt, dass wir die einzelnen
Stationen der Heilsgeschichte immer wieder durchschreiten,
miterleben.
Uns ist also mit dem heutigen Sonntag eine Art Atempause
gegeben, eine Zeit zum Nachdenken.


Wir sind an der Stelle, an der sich auch die Frage stellt, wie
nun die Gegenwart Christi in einer Kirchgemeinde unserer
Tage vorgestellt werden kann.


Wir wissen von Ostern, Jesu Passion und seine Auferstehung.
Wir glauben daran, dass in Tod und Auferstehung die Erlösung
der Menschen von der Macht der Sünde und ihrem Sold, dem
Tod, geschehen ist.
Wir erinnern uns an Jesu Missionsbefehl: Gehet hin und
machet zu Jüngern alle Völker.
Wir sind in Erwartung von Pfingsten, wir erwarten die
Ausgießung des Heiligen Geistes auch über uns.
Von diesem Geist schreibt uns nun Johannes im heutigen Predigttext:
Johannes 14, 15-19

Der Predigttext verbindet die Osterzeit mit Pfingsten. Jesus
nimmt Abschied von seinen Anhängern und verheißt ihnen
zugleich den Geist Gottes für die Zeit nach diesem Abschied.
Doch wer ist dieser Geist?
Für den von Johannes benutzten griechischen Begriff Paraklet
finden sich viele verschiedene Übersetzungen: der Paraklet ist
der Herbei- und Angerufene, der Geist der Barmherzigkeit, der
Fürsprecher der Menschen, ihr Beistand. Luther übersetzt mit:
Tröster.
Der mit Paraklet bezeichnete Geist Gottes soll Anwalt und
Lehrer der Menschen sein.
In unserem Predigttext wird er als Geist der Wahrheit näher
bezeichnet.
Der Geist der Wahrheit ist die verheißene Gotteskraft durch
die Jesus bei uns sein will, bis ans Ende der Welt


Ich möchte die oben gestellte Frage nach der Gegenwart
Christi in heutigen Kirchgemeinden aufnehmen.
In der Situation des Abschieds verheißt uns Jesus den Geist
der Wahrheit, den Geist der Wahrheit der Leben ermöglicht.


Wer von uns kennt nicht die Situation Abschied nehmen zu
müssen und dabei wahrhaftig, ehrlich zu bleiben.
Ich meine nicht den Abschied nach einem Besuch, den
Abschied vom Ostseestrand gestern Nachmittag, wo man
weiß, daß man wiederkommt, sondern den Abschied am
Kranken- und Sterbebett.
Man weiß nicht, ob es einen nächsten Besuch geben wird. Ob
der Mensch den man besucht, den nächsten Tag noch erlebt.
Was ist da Wahrheit? Was ist in dieser Situation richtig und
falsch? Vielleicht wissen wir, dass die behandelnden Ärzte
dem Kranken nicht die ganze Wahrheit gesagt haben, dass sie
ihm wieder besseres Wissen Hoffnung machen. Ihm sagen,
dass er noch Zeit hat, ja dass er vielleicht wieder gesund
werden kann, obwohl der Tod nur noch eine Frage von Tagen
oder wenigen Wochen ist.
Ist es jetzt richtig, die uneingeschränkte, die brutale Wahrheit
zu sagen?
Ich glaube, dass es hierauf keine richtigen Antwort gibt, keine
die immer gilt.
Die Wahrheit die hier angebracht ist, hat vor allem mit
Wahrhaftigkeit zu tun. Und diese Wahrhaftigkeit ist
beiderseitig, der Angehörige, der Besucher am Krankenbett
muß wahrhaftig sein, aber auch der oder die Kranke muß
wahrhaftig bleiben können. Es gibt da Situationen, in denen
das Schweigen, das Verschweigen besser ist, es ist aber auch wahrscheinlich, dass erst durch das Reden über die Krankheit
das Nachdenken über das gelebte Leben und auch über den
kommenden Abschied, der Tod möglich wird.
Hier wird der Geist der Wahrheit, der Leben verheißt, wirklich
um Tröster.
Einmal, weil wir uns darauf verlassen können, dass er in
schwierigen Situationen bei uns ist, aber auch weil der, der ihn
uns zusagt verspricht:
„Ich lebe und ihr sollt auch leben“.
Wahrheit ist kein brutaler Befund, sondern etwas was stimmtzwischen zwei Menschen, zwischen Menschen und ihrem
Gott und das deshalb tröstet.


Je länger ich über den Begriff „Wahrheit“ nachdenke, desto
mehr Beispiele fallen mir ein, die deutlich machen, wie
ambivalent Wahrheit ist.
Die Kanzlerin hat gerade bei einer Rede in den USA gesagt, das
Lügen nicht Wahrheiten und Wahrheiten nicht Lügen werden
dürfen. So weit so klar. Doch diese eigentliche Binsenweisheit
greift zu kurz – ob man nun den Adressaten deutlich benennt
oder auch nicht.
Die Sehnsucht nach Wahrheit ist in uns Menschen groß –
Wahrheit im Sinne von Wahrhaftigkeit und Eindeutigkeit. Je
mehr sich unsere vertrauten Systeme aus traditionellen
Bezügen in Kultur, Staat, Wirtschaftsleben und die daraus
folgenden Sicherheiten verändern, desto mehr versuchen
Menschen neue Eindeutigkeiten als Anker zu finden.
Angesichts der Komplexität wünscht man sich Orientierung
und Selbstvergewißerung.
Dabei geschieht Erstaunliches: je mehr wir uns in der
modernen, so vielgestaltigen, ja vermeintlich immer bunter
werdenden Welt selbst zu verorten suchen, stellen wir fest,
das die bestimmenden Pole dieser Welt ganz offensichtlich
Gleichgüligkeit auf der einen und Fundamentalismus auf der
anderen Seite sind.


In einer Überlegung zu unserem heutigen Predigttext fand ich
dazu den Satz: „Gemeinde Christi hat nur Profil, indem sie in
seinem Geist lebt und entsprechende Position bezieht. Kein
Profil ohne Abgrenzung.“


Heißt das nun Schotten dicht, wir hier drinnen haben recht,
die da draußen, die langsam aber sicher die Mehrheit der
Bevölkerung sind, haben Unrecht. Wir verwalten unsere
Wahrheit in kleiner werdenden elitären Zirkeln, pflegen
weiter unsere Rituale, die kaum noch jemand versteht und gefallen uns in der Pose des Rechtgläubigen, des
Rechtschaffenen.


Ist mit Abgrenzung gemeint, unter Bezug auf das biblische
Zeugnis menschliche Phänomene und gesellschaftliche
Entwicklungen abzulehnen und damit die göttliche
Entscheidung über das Heil der Menschen vorwegzunehmen?


So wie hier Fundamentalismus in der Kirche begegnet, so gibt
es natürlich auch entsprechenden Tendenzen zur
Gleichgültigkeit.
Eigentlich ist es doch egal was gelehrt und gepredigt wird,
wichtig ist doch, dass es uns dabei gut geht und es eingängig
und wohlgefällig klingt. Warum über Theologie und inhaltliche
Ausrichtung streiten, am Ende wissen wir doch nicht ob es
richtig ist.


Fundamentalismus und Gleichgültigkeit – beides verständliche
Reaktionen auf die Vieldeutigkeit und Vielschichtigkeit der
Gegenwrt. Aber Wahrheit im Sinne von Eindeutigkeit – so sehr
wir sie uns auch für uns selber wünschen, ist so nicht zu
gewinnen und kann eigentlich auch nicht das Zeil sein.
Ich habe das vorhin für den Bereich der Seelsorge beschrieben
– Wahrheit ist immer auch ambivalent, führt uns an Punkte
der Ununterscheidbarkeit und bleibt dabei seltsam vage.


Ich glaube, dass es nur sehr wenige unumstößlich Wahrheiten
gibt und das es gerade in den Beziehungen und Verhältnissen
der Menschen untereinander schwierig ist, allgemeingültige
Wahrheiten festzustellen. Vielmehr ist es so, dass sich
Wahrheiten verändern. Ja das Wahrheit immer neu gegeben
wird.


Wie gehen aber wir Christen nun damit um, dass auch unsere
Wahrheit, der christliche Glaube an den in Jesus
menschgewordenen Gott, den Christus, das diese Wahrheit
von immer wenigeren Menschen gerade hier in diesem Land
geteilt wird. Müssen wir unsere Wahrheit anpassen?


Ich glaube in diesem Sinne verstandene Wahrheit, ist nicht die uns von Jesus verheißene Wahrheit.

Die Gabe des Geistes der Wahrheit erwächst aus dem Wunsch
Jesu, die Seinen nicht als „Waisen“, wie es in unserem
Predigttext heißt, zurückzulassen.
Weil er sie liebt, will er, dass sie, dass wir leben.
Denn wir sind immer Teil dieser Welt und sind ihr auch nicht
durch die Gabe des Geistes der Wahrheit enthoben.
Die Wahrheit ist immer noch Jesus allein, wie er spricht: „Ich
bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, sie ist uns nicht im
Pfingstfest vor fast 2000 Jahren übertragen worden.
Vielmehr wird durch die jedes Jahr in der Feier des
Pfingstfestes, sich wiederholende Gabe des Geistes deutlich,
dass es sich bei der Wahrheit nicht um etwas Fest-Stehendes,
sondern um einen Prozess handelt.
Die Wahrheit entwickelt sich.
Sie engt nicht ein, macht durch Grenzziehungen nicht unfrei.
Denn es heißt: „Der Geist weht, wann und wo er will“.
Der Geist macht uns frei, er will das wir wahrhaftig sind und
im Geist der Liebe unseren Mitmenschen und unserer Umwelt
begegnen.


Der Geist der Wahrheit befreit zum Sehen – auch auf die
eigene Unvollkommenheit. Er fordert keine Höchstleistungen
und will nicht, dass wir ständig Vorbild spielen. Wir dürfen in
diesem Geist auch schwach sein, wir dürfen Zweifel haben;
unser Hadern mit Gott und unserem persönlichen Schicksal
aussprechen.
Das heißt aber auch, dass unsere Wahrheit immer unvollendet
ist, dass wir aus ihr eben nicht die Selbstgewissheit derer, die
sich im Besitz der Moral wähnen, ableiten können.


Als immer wieder mit dem Geist der Wahrheit beschenkte,
sind wir aufgefordert in die Welt hinauszugehen. Eben weil
unsere Wahrheit der Wahrheit der modernen Zeit nicht immer
entspricht, ist es wichtig, wahrhaftiges Zeugnis davon
abzulegen, was wir wissen können und glauben dürfen.

Amen