Predigtreihe · Judika · 21. März 2021 · Pfarrer Eike Thies

Posted by on Mrz 26, 2021 in Predigten | No Comments

Friede von Gott, der ist, der da war und der da kommt. Amen.

Verhaspelt

Zu meiner Konfirmationsprüfung musste ich den 23. Psalm aufsagen. Ich hatte den Psalm geübt, hatte ihn auswendig gelernt, habe ihn zu Hause hundertfach aufgesagt. Es hat alles nichts genützt, ich habe mich völlig verhaspelt. Zum Glück habe ich den Psalm nicht nur für diesen Moment gelernt. Bis heute kann ich ihn im Schlaf. Das verbindet mich mit etlichen Generationen, die alle diesen einen Psalm auswendig können.

Der Psalm hat mir schon manchmal Worte geliehen, wo ich selbst keine Worte mehr gefunden habe, wo ich mit ihnen das Unsagbare sagen konnte. Nicht mit meinen eigenen, mit geliehenen Worten. Und das sind die Psalmen für mich heute ganz besonders. Geliehene Worte, die mir helfen, zu beten.

Die Antwort

Gerhard von Rad, einer der großen Alttestamentler, sagt:

Die Psalmen sind Israels Antwort.

Die Antwort auf Gottes heilvolle Zuwendung, genauso wie die Antwort darauf, wo Gott schmerzlich vermisst wird. Den Psalm-Betenden ist Gott begegnet. Sie haben Worte für diese Begegnung gefunden und sie aufgeschrieben.

Vielleicht muss man hinzufügen, dass die Psalmen Israels poetische Antwort sind. Denn es handelt sich bei ihnen ja um Poesie, um vertonte Gedichte.

Im Hebräischen heißen die Psalmen Tehillim. Das heißt übersetzt Loblieder. Die Psalmen sind Loblieder, auch wenn die meisten der 150 Psalmen eigentlich Klagelieder sind.

Die Psalmen nehmen die Klage in die Hand. Das hat mich schon immer an ihnen fasziniert. Dass sie der Klage ihre eigene Würde lassen, dass sie nicht verschwiegen werden muss aus falscher Scham oder falsch verstandener Moral gegenüber Gott. So als ob eine*r meint: »So was sagt man aber nicht.«

Die Klage muss nicht verstummen. Sie kommt noch im Lob zu Wort. Sie bildet so etwas wie die Rückseite dessen, was alles zum Lob Gottes ausrufen lässt.

Von den Psalmen lerne ich, dass ich Gott alles sagen kann. Gott kann es tragen und weiß schon, was damit zu tun ist. Wenn ich in der Tiefe sitze und mit den Psalmen zu Gott aufschaue, wendet Gott sich hinab zu mir mit seinem Wort, um mich aufzurichten, um mich aus dem Staub zu ziehen.

Es gibt Hymnen, Königspsalmen, Psalmen, die am Tempel von ganzen Chören, gebetet wurden, die meisten von ihnen sind aber Lob- und Klagelieder eines einzelnen Menschen.

Jüdinnen und Juden haben sich immer als Bundesvolk verstanden. Gott hat sein Volk nicht als ein stummes Objekt erwählt, sondern zum Gespräch. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um die Erfahrung eines einzelnen Menschen handelt oder um die einer Gruppe. Die oder der einzelne weiß sich immer eingebunden in das Wir. Genauso wie bei der Anrede an Gott stets klar ist, dass dem Du eine Gruppe vorsteht.Die Psalmen sind die Antwort Israels. Wenn ich sie bete, leihe ich mir ihre Worte.

Mitbeten

In fast jedem evangelischen Gottesdienst sprechen wir einen Psalm. Wir sprechen die Gebete, die auch von Jüdinnen und Juden gesprochen werden.

Dass wir das heute noch dürfen, unterliegt zwei Voraussetzungen.

Wenn wir die Psalmen beten, im Gottesdienst oder als Gebet zu Hause, dann dürfen wir nicht vergessen, dass die Psalmen zuerst das Gebet des jüdischen Volkes sind.

Gegen jede Form von kirchlichem oder säkularem Antisemitismus haben Jüdinnen und Juden ihre Identität dadurch bewahrt, dass sie die Psalmen gebetet und weitergegeben haben. Sie haben sie aufbewahrt, auch für uns Christ*innen. Wenn wir als Christ*innen die Psalmen heute beten, dann bekennen wir uns dadurch zur Solidarität mit dem jüdischen Volk. Wenn wir in der Kirche »Wir« sagen, dann schließt das das jüdische Volk mit ein. Wenn wir das im Gottesdienst tun, tun wir dies auch öffentlich.

Nicht missionarisch selbstverständlich und auch nicht so, als würde die Kirche als das wahre Israel das Volk ablösen, sondern im Respekt vor der eigenen Würde als Gottes auserwähltes Volk.

Wo die Kirche sich von Gott in den Dienst nehmen lässt, ist sie Volk Gottes. Zusammen mit Israel, niemals gegen.

Eines aber trennt uns auch voneinander. Wenn wir heute im evangelischen Gottesdienst die Psalmen beten, erinnern wir uns daran, dass sie auch Jesu Gebetsbuch sind.

Jesus als Jude hat Psalmen gebetet. Er hat mit ihnen auf Gottes Wort geantwortet. Und er hat geklagt am Kreuz mit Psalm 22: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

Wie in viele Psalmen wendet sich auch im 22. Psalm noch einmal der Ton. Auf die erfahrene Gottverlassenheit folgt die rettende Zuwendung und schließlich das Gotteslob. Das Lob hat immer das letzte Wort. Indem Jesus den Psalm am Kreuz betet, macht er sich den ganzen Psalm zu eigen. Auch in der größten Not bleibt Gott der erste Ansprechpartner. Gott rettet ihn aus aller Not.

Die ersten Christ*innen haben Gottes rettendes Handeln in der Auferstehung Jesu erfahren. Wenn wir heute Psalmen beten, dann tun wir das als Christ*innen, die daran glauben, dass Gott sich uns Menschen in Jesus Christus zuwendet. Wir beten sie, weil Jesus sie gebetet hat, voller Vertrauen auf Gott, den er seinen Vater nennt. Seitdem sind die Psalmen für uns untrennbar mit Jesus Christus verbunden. Dies trennt uns auch vom Judentum. Wir leihen uns ihre Worte und machen sie uns doch ganz zu eigen.

Es hat nicht lange gedauert, da haben die Psalmen einen festen Platz in der Liturgie der frühen Kirche bekommen. Sie sind bis heute Teil des evangelischen Gottesdienstes und selbstverständlich auch ein Teil des Synagogengottesdienstes. Jüdinnen und Juden, Christinnen und Christen beten gleichermaßen die Psalmen. Sie schütten Gott ihr Herz aus, loben und klagen und klagen an, wo es geboten ist. Sie tun es gemeinsam, mit dem gleichen Wortschatz und sie tun es ganz anders.

Wand an Wand

Die Psalmen sind eine Brücke und ein Graben zugleich. Sie verbinden und trennen. Jüdinnen und Juden und Christ*innen sprechen die Psalmen auf ihre je eigene Weise. Im Respekt voreinander räumen sie sich gegenseitig einen Platz im selben Buch ein.

In einem Bild gesprochen stelle ich es mir so vor: Im Judentum gibt es die Vorstellung vom schwarzen Feuer auf weißem Feuer. Gemeint sind damit die geschriebenen schwarzen Buchstaben auf weißem Pergament. Das schwarze Feuer ist festgeschrieben. Das ist der geschriebene Text. Das weiße Feuer steht für die Fülle an Interpretationen des Textes. Der weiße Zwischenraum zwischen den Buchstaben lässt eine unendliche Bedeutungsfülle zu. Die Zwischenräume laden ein, die Geschichte mit Gott weiterzuerzählen auf je unterschiedliche Weise in unendlicher Fülle.

Die Psalmen laden Jüdinnen und Juden, genauso wie Christ*innen ein, sich gegenseitig einen Platz im weißen Feuer einzuräumen. Im Respekt voreinander und in der Wahrnehmung, dass beide auf je eigene Weise mit den Psalmen zu Gott sprechen.

Jüdinnen und Juden und Christ*innen sind dabei wie Familien, die Wand an Wand wohnen. Getrennt voneinander in der je eigenen Wohnung und doch verbunden durch die Wand. Und wer mit einer Familie Wand an Wand wohnt, weiß, dass es dabei nicht immer konfliktfrei zugeht. Es gibt Probleme. Es braucht Rücksicht voreinander. Es braucht die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz zueinander. Wer diese gefunden hat, erlebt das Zusammenwohnen als Bereicherung.

Amen.