Predigt · Misericordias Domini · 30. April 2017 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Mai 4, 2017 in Predigten | No Comments

Hesekiel 34, 1 – 16, 31

Liebe Schwestern und Brüder,


Gott, dargestellt im Bild des guten Hirten – im Gegensatz zu den
schlechten Hirten –
das ist das Thema dieses Sonntags,
davon haben wir eben einen Text des Propheten Hesekiel gehört.


Wir haben am Eingang den 23. Psalm gelesen.
Er ist wohl der bekannteste Psalm, in unserer Kirche.
Meine Konfirmanden lernen ihn auswendig und auch die Eltern und
Großeltern kennen ihn.
Sehr viel mehr Psalmen werden wohl die Konfirmanden oft nicht
kennen.
Aber das trifft wohl auch auf erwachsene Christen zu –
gerade bei evangelischen Christen.


Ein katholischer Kollege äußerte einmal,
was für die Katholiken das „Ave Maria“,
sei für uns Protestanten der 23. Psalm,
so etwas wie eine eiserne Ration, auf die man sie ansprechen könne,
wenn auch sonst vieles verschüttet sei.


Es muss Gründe geben, dass das Bild vom guten Hirten so tief
verankert ist.
Dieses Bild umschließt etwas, was man bis heute auf Anhieb
versteht, obwohl es kaum noch Hirten gibt und obwohl ein Hirte,
wenn wir ihn gelegentlich doch einmal mit seiner Herde in der
Landschaft sehen, wie ein Relikt aus einer fremden Zeit wirkt.


Trotzdem, dieses Bild trägt.
Allein schon die Tatsache, dass ein Schäfer unter den oft mehreren
hundert Tieren jedes einzelne kennt, versetzt uns in Erstaunen.


Der Herr ist mein Hirte – wenn es schon nicht alltägliche Erfahrung
ist, auf jeden Fall löst es den Wunsch, die Sehnsucht aus:
So umsorgt, so behütet zu sein wie in diesem Bild.


Pastor – liebe Schwestern und Brüder – das heißt übersetzt: Hirte.


Wir haben in unserer Kirche zwei Amtsbezeichnungen für das
Pfarramt – und das ist Pastor und Pfarrer.


Als ich vor 36 Jahren hier in der Gemeinde angefangen habe zu
arbeiten, wurden wir Frauen in der DDR „Pastorin“ genannt.
Die Männer nannte man Pfarrer.


In einigen Landeskirchen wurde für alle der Begriff Pastor verwendet
in unserer Landeskirche hießen die Amtsinhaber, die keine Gemeinde
hatten, die in der Diakonie oder in einer Stiftung ein Leitungsamt
hatten – Pastor,
die einer Gemeinde vorstanden hießen Pfarrer.


Der Begriff Pfarrer kommt von Pfarr-Herr – dem Herren einer
Pfarrei.
Einer Pfarrei gehörte nicht nur eine Gemeinde an, sondern zumeist
auch Ländereien und andere Besitztümer.


Die Bezeichnung „Pastorin“ war mir deshalb auch immer
sympathischer als Pfarrerin –
wurde doch schon in dem Begriff das unterschiedliche Verständnis
dieses Amtes deutlich:
Hirte oder Pfarr-Herr


Ein Führungsamt zu übernehmen – egal in welchem Bereich – in der
Kirche, in der Politik, auf dem Arbeitsplatz, in der Familie –
stellt jeden vor besondere Herausforderungen.

Auf der einen Seite ermöglicht es viel Spielraum für Gestaltung und Prägung in die eine oder andere Richtung.
Auf der anderen Seite verführt es aber auch nicht selten zu
Machtmissbrauch, Egoismus und Intoleranz.


Wir kennen das aus eigener Erfahrung in beiden Rollen –
und das ist das Schicksal unseres Lebens –


Jeder und jede von uns findet sich ein mal in der Rolle einer Autorität
wieder – als Elternteil, im Freundeskreis, im Arbeitsbereich,


dann aber auch in der Rolle des abhängigen Untergebenen –
in der Familie, im Arbeitsprozess, im Verein, in der Kirche.


Von daher machen wir es uns zu einfach, wenn wir mit dem Finger
immer nur auf die da oben zeigen
und unser eigenes Verhalten von jeglicher Kritik ausschließen.


Und dennoch findet der Prophet Hesekiel solch ausgesprochen
harsche Worte gegen die Führungselite im Alten Israel.


Er spricht aus der Erfahrung nach der Katastrophe im 6. Jahrhundert
vor Christus.
Der Staat Israel ist zerschlagen, Jerusalem liegt in Schutt und Asche,
der Tempel ist zerstört und die Israeliten sind in der babylonischen
Gefangenschaft.


Hesekiel weiß sehr genau, wer schuld daran ist: Die Hirten Israels –
und damit ist die gesamte politische und religiöse Führungsschicht
gemeint – der König mitsamt seinen falschen Beratern
und die Priesterschaft mit ihren falschen Propheten.


Sie haben Israel in die Katastrophe geführt,
weil sie das Hirtenamt missbraucht haben –
sie haben nicht das Wohl ihrer Herde im Blick gehabt,
sondern nur ihr eigenes.


Liebe Schwestern und Brüder, das kommt uns doch alles sehr
bekannt vor.


Auch heute scheint die Welt außer Rand und Band geraten zu sein.
Aus Politik und Wirtschaft erreichen uns täglich Nachrichten von
Korruption und Bestechung.


Abgasskandale in der Autoindustrie, manipulierte Falschmeldungen
aus Krisengebieten, Briefkastenfirmen und Panama-Geschäfte für
Steuerhinterziehungen,
massenhafte Verhaftungen von unbequemen politischen Gegnern.


Die Liste ließe sich endlos erweitern.


Hesekiel klagt nach der Katastrophe an – wir stehen noch davor,
ob wir sie verhindern können – ich weiß es nicht.


Aber eines weiß ich sicher:
Aus den Texten unserer heiligen Schrift des 1. und 2. Testamentes ist
uns gesagt worden, was wir zu tun haben
und wie wir dieses Hirtenamt auszuführen haben,
egal an welchem Platz – in der Familie oder im Freundeskreis,
auf unserem Arbeitsplatz oder in unserem Verein:


Hesekiel hält uns den Spiegel vor und warnt:
Wehe den Hirten, die sich selbst weiden. 4Die Erschöpften stärkt ihr
nicht, die Kranken heilt ihr nicht, die Gebrochenen stützt ihr nicht,
die sich verirrt haben, bringt ihr nicht zurück, und die Verlorenen sucht ihr nicht. Mit Gewalt haltet ihr sie nieder und mit Härte.


Eine Ethik des Hirtenamtes wird hier entworfen.
Sie könnte in einem Satz zusammengefasst werden:

„Wer führt, soll dienen.“


Das ist die Quintessenz aller Aussagen, die die Bibel zu Leiten und
Führen bietet: Gutes Führen besteht im Dienst an anderen, nicht im
Herrschen.


Und wenn sich die Welt auch noch so unbändig und unverschämt
gebärdet – wenn sich auch kaum jemand daran hält –
wir, die wir uns Christen nennen, haben uns an der Bibel zu
orientieren
und an dem Mann, der seine Heilige Schrift –
das Gesetz und die Propheten – ernst genommen hat – Jesus Christi.


Ihm sollen wir folgen.
Sein Hirtenamt hat er so hingebungsvoll ausgeführt, dass er sogar
sein Leben ließ für die Seinen.
Er hat nicht zum Heiligen Krieg aufgerufen, in dem man sein Leben
opfern soll für ihn –
nein – er hat sein Leben für die Seinen geopfert,
damit wir leben können.


Er hat der Gewalt die Gewaltlosigkeit gegenüber gestellt,
dem Hass die Liebe,
der Vergeltung die Versöhnung.


Alles, was wir in dieser Welt und in der Kirche als Hirtenamt
auszuüben haben, ist an diesem Hirtenamt zu messen,
wenn wir uns als Christen bezeichnen.


Liebe Schwestern und Brüder,
auf einen sehr tröstlichen Aspekt aber möchte ich zum Schluss noch
hinweisen.


Der Prophet Hesekiel, sowie auch der Psalm 23 und viele andere
Texte unserer Bibel weisen darauf hin, dass nur Gott der wahre und
wirkliche Hirte ist, der uns Menschen hin zum Guten führen kann.


Wir Menschen sind zu schwach und zu eigensinnig,
um dieses Hirtenamt völlig uneigennützig ausüben zu können.


Niemand – kein einziger Mensch darf zum absoluten Führer erkoren
werden, dem man uneingeschränkt Gehorsam, Vertrauen und
Glauben zu leisten hat.


Dieses alles gebührt nur Gott allein.

Ihm sei die Ehre und die Kraft und die Herrlichkeit
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.