Predigt · Lätare · 15. März 2015 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Mrz 22, 2015 in Predigten | No Comments

Johannes 12, 20 – 26

Liebe Schwestern und Brüder, der Evangelist Johannes schildert die
letzte Etappe Jesu bis zu seiner Kreuzigung.


Das große Passahfest will Jesus mit seinen Jüngern und Jüngerinnen
in Jerusalem feiern.


Bei diesem Fest erinnert sich Israel wie Gott sein Volk aus der
ägyptischen Sklaverei befreit hat.
Mit starker Hand hat er es der Knechtschaft der Ägypter entzogen
und in ein Land geführt, in dem es in Gerechtigkeit, in Frieden und
Freiheit leben sollte.


In diesen Tagen brodelte und vibrierte es erneut in Israel.


Wieder erlebte Israel Unterdrückung und Knechtschaft.
Die Weltmacht Rom unterwarf sich alle umliegenden Völker und
presste ihnen an Waren, Gütern und Steuern alles heraus, was es
konnte.


Die Sehnsucht nach einem Erlöser, einem Messias, der sein Volk
befreien würde, war in Israel so stark wie nie zuvor.


Alle Hoffnungen konzentrierten sich nun auf den Wanderprediger
und Wunderheiler Jesus von Nazareth.


Ihm eilte der Ruf voraus, dass er ein Gottesmann sei, der Kranke
heilen und sogar Tote wieder auferwecken kann.


Bei seinem Einzug in Jerusalem bereitete ihm die Bevölkerung einen
grandiosen Empfang.
„Hosianna! Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn, der König
von Israel.“ , so riefen sie ihm entgegen.


Ja, das wollten sie, dass er die Krone aufsetzt und als König von
Israel sein Volk in die Freiheit führt.


Und das hörten auch einige Griechen, die extra zu diesem Fest nach
Jerusalem gekommen waren, um den jüdischen Gott anzubeten.


Sie waren neugierig und wollten ihn sehen, diesen Gottesmann, von
dem alle Welt sprach.


Aber sie kamen nicht an ihn heran, zu sehr war er umringt von
Menschen, die seine Nähe und seine Hilfe erbaten.


Über seine beiden Jünger Philippus und Andreas versuchen sie nun,
ihn zu sehen und die beiden Jünger tragen die Bitte der Griechen an
Jesus heran.


Aber die Antwort Jesu hört sich schroff und rätselhaft an:
„Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.
Wahrlich ich sage euch, wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt
und stirbt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es viel
Frucht….“, so antwortet er.


Verherrlichung – Sterben – und viel Frucht bringen –
mit diesen drei Begriffen umschreibt der Evangelist Johannes seine
Sicht auf den Kreuzestod Jesu.


Verherrlichung – das heißt: Sterben und viel Frucht bringen.


Im Unterschied zu den anderen Evangelisten deutet Johannes den
Kreuzestod Jesu als den Höhepunkt seiner Bestimmung.

Im Johannesevangelium stirbt Jesus mit den Worten: „Es ist
vollbracht“
Hier ist der Tod nicht der dunkelste Ort auf dieser Welt und das Ende
aller Hoffnungen, sondern hier ist der Tod der Höhe- und
Wendepunkt einer Entwicklung.


Das Tor, durch das jeder Mensch gehen muss, um von der einen in
die andere Welt zu gelangen.


Und mit diesem Durchschreiten vollzieht sich eine wundersame
Wandlung.


Am Beispiel des Samenkorns macht Jesus das deutlich.


Ein winzig kleines Samenkorn wird in die Erde gelegt –
es wird begraben –
und in dem dunklen und stillen Schoß der Erde vollzieht sich das
Wunder.
Seine äußere Hülle löst sich auf und in seinem Inneren wächst etwas
neues heran.
Ein neuer Keim entsteht im dunklen und warmen Bauch der Erde.


Nun strebt er dem Licht entgegen und durchstößt die Erdkruste.
In seiner Ähre entsteht ein Vielfaches von dem, was dieses einzelne
Korn einstmals war.


Liebe Schwestern und Brüder, das Bild vom Samenkorn ist eine
wunderbare Metapher für die Wandlung von Dunkelheit in Licht,
von Tod in Leben.


So manch einer von uns wird die Erfahrung von Verzweiflung,
Trauer, Hoffnungslosigkeit und Angst gemacht haben.


Dieses Bild macht Mut, sich diesen Erfahrungen zu stellen und sie
zuzulassen.


In unserer Glücks- und Spaßgesellschaft ist es unpassend, traurig
oder betrübt zu sein.


Ja, der Verlust eines lieben Menschen oder ein anderer
Schicksalsschlag wirft schon mal in Trauer und Verzweiflung,
aber dann muss man doch auch wieder auf die Beine kommen,
man kann sich doch nicht ewig damit aufhalten – das Leben geht doch
weiter – so sagen wir.


Alles hat seine Zeit – weinen hat seine Zeit – lachen hat seine Zeit –
so weiß es schon der Prediger aus dem AT.


Aber – weinen hat eben auch seine Zeit – das darf ich zulassen,
dessen muss ich mich nicht schämen.


Unser Kirchenjahr hat dafür extra eine Zeit eingerichtet – es ist die
Passionszeit, in der wir uns gerade befinden.


7 Wochen ist eine lange Zeit, wenn man sich mitten drin befindet,
wie wir heute an diesem Sonntag.


Aber es gibt auch den schönen Spruch: Die Mitte der Nacht ist der
Anfang des Tages.


Am dunkelsten Punkt kommt die Wende.


Deshalb heißt der heutige Sonntag: Lätare – und das heißt: Freuet
euch!


Der Blick auf Ostern lehrt uns, dass es weiter geht,
die Finsternis wird uns nicht auf ewig gefangenen nehmen.

Aber bis dahin ist noch ein langer und dorniger Weg zu
durchschreiten, der seine Zeit braucht.


Und dann, wenn wir das dunkle Tal durchschritten haben, schauen
wir zurück.
Am Ende dieses Weges werden wir im Rückblick die Erkenntnis
gewinnen, dass so manches, was wir geliebt und geschätzt haben,
sich als Lug und Trug herausgestellt hat,
aber auch so manches, was wir geliebt haben, werden wir verloren
haben –


und das, was wir an uns und unserem Leben als verachtenswert und
gering eingeschätzt haben, verwandelt wird im Glanz der Ewigkeit.


Nur so kann ich den Satz verstehen: „Wer sein Leben lieb hat, der
wird’s verlieren und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s
erhalten zum ewigen Leben.“


Liebe Schwestern und Brüder, Jesus befindet sich noch auf diesem
Weg der Trauer, der Angst und der Verzweiflung. Er ist noch nicht
angekommen.


Die begeisterte Menge, die Hoffnungen, die sie an ihn knüpfen und
die Neugier der Griechen peinigt ihn nur noch mehr.


Er weiß, das er das alles verlieren wird, was er von Herzen liebt –
seine Freunde und Freundinnen, den Blick auf die aufgehende Sonne,
die strahlenden Augen eines Kindes, den süßen Geschmack von Brot
und Wein.


Doch all das, was ihn in dieser Welt quält und peinigt, was er
verabscheut, was ihm zuwider ist – das ganze Elend, die Gewalt, die
Lüge, die Habgier, aber auch die eigene Schwachheit und das ewige
Hadern und Zweifeln –
es wird ein Ende haben –


und nicht nur das – es wird verwandelt werden in ein neues Leben,
in ein Leben, das bei Gott seine Erfüllung finden wird.


„Jetzt ist meine Seele betrübt“ sagt Jesus, „aber soll ich sagen: Gott
errette mich aus dieser Stunde? Nein – denn deshalb bin ich in diese
Stunde gekommen.“ (V. 27)


Jesus stellt sich dieser Herausforderung, er weicht ihr nicht aus und
er hadert nun auch nicht mehr mit Gott.


Die Erzähler dieser Geschichte wissen um deren Ausgang.
Der Evangelist Johannes erzählt sie von Ostern her.


Ca. 70 bis 80 Jahre später, als Johannes das Evangelium schreibt,
weiß er um das Entstehen vieler christlicher Gemeinden in und
außerhalb von Israel.


Das sterbende Weizenkorn hat vielfältige Frucht getragen.


Liebe Schwestern und Brüder, auch uns darf diese Geschichte eine
Mutmachgeschichte sein.


Auch wir dürfen uns festhalten an dem Glauben und die Hoffnung,
dass es irgendwann Ostern sein wird,
dass das Leben zurückkommt, auch wenn es für den einen oder
anderen noch so dunkel sein mag.


Lätare – freuet euch – Ostern kommt ganz gewiss.
Amen