Predigt · Karfreitag · 18. April 2014 · Pfarrer Siegfried Sunnus

Posted by on Apr 23, 2014 in Predigten | No Comments

Jesaja 53, 1 – 12

Liebe Gemeinde,


wir haben in der Lesung den Predigttext gehört: Vom „Allerverachtesten“ war da die Rede. Wer ist das?


Der Historiker versucht herauszufinden, wer das geschrieben haben mag und
zu welcher Zeit. Dann forscht er weiter, welche zeitgeschichtlichen Personen
gemeint sein könnten. Wer so den Historiker fragt, bekommt verschiedene
Antworten. Sie reichen von einem namenlosen Märtyrer zu Zeit des
babylonischen Exils des Volkes Israel – rund ein halbes Jahrtausend v.Chr. – bis
hin zu Vermutungen, hier ginge es gar nicht um eine einzelne Person, sondern
um das Volk Israel selbst: Es würde hier in einer Symbolgestalt dargestellt, so
wie auch andere Völker eine solche Gestalt haben – wir zum Beispiel den
„Deutschen Michel“. Und in der Gestalt des leidenden Gottesknecht verstehe
sich das Volk Israel als leidendes Volk unter den Völkern der Welt – für sie
stellvertretend leidend; eine Deutung, die bis zum Holocaust reicht.


Einen anderen Antwortweg gingen die frühen Christen. Sie wollten in Worte
fassen, was sie mit dem Leben und Sterben Jesu erlebt hatten: Sie fanden in
diesen Jesaja-Worten das Lebens- und Leidensgeschick ungeheuer zutreffend
prophezeit, sein Leben und Sterben schien diese Verse zu erfüllen: „Er war der
Allerverachteste und Unwerteste, voller Schmerzen…Als er gemartert wurde,
litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur
Schlachtbank geführt wird…“ bis hin zur Hoffnung:“…er wird vielen
Gerechtigkeit schaffen…Darum will ich ihm die Vielen zu Beute geben…,dafür
daß er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet
ist und er die Sünden der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten“.
Diese Verse boten sogar die Möglichkeit, Leben und Sterben Jesu nach seinem
Sinn hin zu verstehen: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich
unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott
geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist für unsere Missetat willen
verwundet und um unsere Schuld willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm,
auf daß wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Ja, mit
Hilfe dieser Jesaja-Verse wurden wahrscheinlich auch Einzelheiten der
Kreuzigung in die neutestamentlichen Evangelien eingefügt: Von der
Kreuzigung unter Übeltätern bis hin zu seiner Bitte für sie.

Und wir – welchen Antwortweg gehen wir? Folgen wir dem Historiker, dann
bleiben wir im Abstand von Jahrtausenden stehen – und: Warum sollten wir am
Karfreitag daran denken? Was interessiert uns das?


Gehen wir den christlichen Antwortweg, geraten manche in Zweifel. Weniger
zwar, was die Möglichkeit einer Prophezeiung angeht. So wie ich es erklärt
habe, läßt es sich ja auch verstehen: Worte des Alten Testaments dienen zum
Verständnis eines Geschehens nachträglich. Eher aber beziehen sich die Zweifel
auf die Fragen: Wie kann einer für andere sterben, für deren Schuld und
Versagen? Und: Was ist das für ein Gott, der einen leiden läßt, damit die
anderen frei werden? Wie wichtig ist es, am Karfreitag an das Sterben Jesu zu
denken? Was hebt denn sein Sterben aus dem vielfältigen Leiden und Sterben
anderer Menschen heraus? Wir verstehen kaum noch Liedverse und
Bibelworte, die von dem besonderen Sterben Jesu für die Menschen handeln.
Ja, als Sterben eines guten Menschen für eine Idee haben wir Vergleiche, ein
Kämpfer gegen das Böse, das ist möglich; so wie es immer und immer wieder
Widerstandskämpfer gibt gegen politische und unsoziale Ungerechtigkeiten.
Aber wie läßt sich die christliche Deutung des stellvertretenden Sterbens Jesu
begreifen? „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere
Schmerzen“.


Ich glaube, die Deutung der Christen ist richtig. Denn mit dem Leben, Leiden
und Sterben wurde eine Gottesvorstellung zertrümmert – mit Folgen für den
Menschen! Wenn die christliche Glaubensaussage ist: Wer Gott ist, erkennen
wir an Jesus – dann ist die Jammergestalt des Jesus die äußerte Folge der
Menschwerdung Gottes! In Zukunft kann also von ‚Gott‘, diesem Begriff, nicht
mehr gesprochen werden, indem man ihn etwa mit folgendem Sachverhalt
füllt: ‚Gott‘ – das ist einer, der im prächtigen Himmel thront, der die Leiden der
Menschen von ferne und mit Gelassenheit beguckt, der sich’s wohl sein läßt
und die Menschen darben. Oder wie Hölderlin in seinem „Schicksalslied“
dichtete: „Ihr Götter wandelt droben im Licht…/ doch uns ist gegeben auf
keiner Stätte zu ruhen / es schwinden, es fallen die leidenden Menschen /
Blindlings von einer Stunde zur anderen / wie Wasser von Klippe zu Klippe
geworfen / jahrelang ins Ungewisse hinab.“


Nein! Seit dem leidenden Jesus ist Gott auf die Erde herunter geholt, ist er
Mensch geworden – und nun kein starker, gewaltiger, mächtiger Mensch, sondern ein Schwacher, ein Leidender, ein Ohnmächtiger, ein Häßlicher, den
Mitmenschen ausgeliefert, in ihre Hände gegeben. Fortan ist Gott kein Gott der
Starken, einer der auf der Seite der Mächtigen, der Erfolgreichen, der
Gerissenen, der stärkeren Divisionen nur dazu dient, all das zu verherrlichen, zu
schmücken, zu glorifizieren mit dem Beiwort: „Von Gott gegeben“, der von
diesen Leuten beschlagnahmt werden kann – „Gott mit uns“ – nein! Jetzt ist
Gott selbst der Schwache geworden, der von Jüngern und Anhängern verlassen
ist, von erfolgreichen Politikern wie Pilatus und Hohenpriestern verschaukelt
wurde, von den Gerissenen über das Ohr gehauen wurde, von den stärkeren
Divisionen der römischen Besatzer ans Kreuz geschlagen wurde – ja ‚Gott‘ ist ein Ausgestoßener geworden, der zwischen Verbrechern am Kreuz hängt, verurteilt schließlich nach dem Gesetz, das die frommen Juden als Gottesgesetz verehren, das auch in der Bibel steht: Verflucht ist der, der am Holz, am Kreuz, hängt.


Fortan lebt und stirbt aber keiner mehr allein, der sich mit diesem Jesus
verbunden weiß. Auch wer vom Staat als Verbrecher verurteilt wird, wer von
den geistigen und moralischen Mächten der Gesellschaft in Staat und Stadt
geächtet ist, ist nicht mehr gänzlich verlassen. Dem Jesus erging es genauso.
Die Gesellschaft hat keine letzte Gewalt mehr über die Menschen. Selbst wenn
sie sich anmaßt, endgültiger Urteile zu sprechen, so gibt es seit Jesus eine
Gemeinschaft von Menschen, die aus der Kreuzigung Jesu verstanden hat:
Wenn da Gott selbst gelitten hat, im Namen von Gesetz und Ordnung
verurteilt, gekreuzigt wurde – dann ist seitdem über alles Starke, seiner selbst
Gewisse und Überzeugte, über alles Stolze und Hohe der Stab gebrochen! Die
scheinbare Rechtmäßigung der Kreuzigung hat sich seit Ostern als Unrecht
enthüllt! Fortan kann niemand mit letztgültiger Entschiedenheit andere für
schlecht und sich selbst für gut halten, andere für dumm und sich selbst für
gescheit, seine Sache nur für gerecht und die des anderen für Anmaßung. In
der christlichen Gesellschaft darf keiner mehr Gott mit dem Erfolgreichen Arm
in Arm gehen sehen und den Pechvogel als von Gott verlassen betrachten.
Wenn die frühen Christen nach meinem Urteil mit Recht die Jesaja-Verse als
Hilfe verstanden haben, Leben und Sterben Jesu auszudrücken, dann gehören
Christen zu den Menschen, die sich nicht von den Leidenden, Mißachteten und
Gequälten abwenden und zu dem Strahlenden, Glücklichem, Heilem und
Geordnetem hinwenden – dies als ihren Gott verehren und Gott an den leidvollen Rändern des Menschenlebens verleugnen. Fortan schaut uns im
Antlitz des Gemarterten Gott selbst an. Fragst Du nach dem christlichen Gott,
dann schiele nicht nach dem Strahlenden, sondern stelle Dich dem Leid um
Dich und in Dir. Denn solange die Verhältnisse dieser Welt so sind, wie wir sie
kennen, solange hängt – bildlich gesprochen – Jesus am Kreuz im Todeskampf.
Wer am Ausgestoßenen und Schwachen vorübergeht, wer seine eigenen
Wunden und mißlichen Erlebnisse nicht wahrhaben will, weil er sich so sicher
und stark fühlt, geht an dem leidenden Gott vorüber, mehr oder weniger
spottend. Wo wir aber zueinander finden, christliche Gemeinde werden,
Verhältnisse, soweit wir es vermögen, zum Guten wenden, damit es weniger Verachtung und Unterdrückung gebe, stehen wir auf Jesu Seite. Paulus nennt uns den „Leib Christi“: Denn durch uns fühlt Christus, handelt und leidet der Christus bis heute!


Denn in der christlichen Gemeinde, die von Generation zu Generation seit Jesus lebt und keineswegs mit der offiziellen Kirche in allen Dingen gleichgesetzt werden darf, setzt sich die Begnadigung fort, die Jesus widerfuhr. Der verurteilte und ausgestoßene Jesus ist rehabilitiert: Gott hat Jesus ins Recht gesetzt – durch Ostern! Ein Gottesbild ist zertrümmert worden, Gott selber ist in Erscheinung getreten. Das ist die große Chance des Karfreitags für uns alle!
Amen!