Predigt · Kantate · 2. Mai 2021 · Pfarrer Michael Hufen

Posted by on Mai 10, 2021 in Predigten | No Comments

Liebe Gemeinde,

den Sonntag Kantate in einer evangelische Kirche ohne Gemeinde-gesang feiern – geht das?

Eine der entscheidenden Neuerungen der Reformation, aber auch zugleich ein entscheidender Faktor für ihr Gelingen war der Gemeindegesang.

Aus der westfälischen Stadt Lemgo wird am Beginn der Gegenreformation 1533 folgende Anekdote erzählt: Der dortige Landesherr will, dass sich alle Landeskinder von der Reformation abwenden und beauftragt die Bürgermeister mit der Umsetzung dieses Vorhabens. Der Bürgermeister von Lemgo schickt nun die Ratsdiener in die nächstgelegene Kirche, um die singenden Christen festzustellen und zur Ordnung zu rufen. Zurück im Rathaus sagen die Ratsdiener nur „Herr Bürgermeister, sie singen alle!“ und der darauf „Ei, es ist alles verloren.“

Ob er schon ahnte, was Musikwissenschaftler und Theologen erst später über die Bedeutung der Lieder für den Verlauf der Reformation schrieben? Das die Lieder Martin Luthers geradezu als Leuchttürme der Reformation viel weiter reichten und mehr bewirkten als so manche langatmige Predigt? Das die besondere Verbindung von Melodie und Text, die Menschen mitriss? Wie viel Schwung in „Ein feste Burg“ steckt, wie sehr Text und Musik nach vorne drängen und etwas wollen, voller Dynamik und die Menschen aufrütteln – wir haben es gerade gehört.

Etwas gewollt hat Martin Luther vor ziemlich genau 500 Jahren in Worms auch.

Er war vor den Reichstag zitiert worden. Eigentlich schon ein großer diplomatischer Erfolg, den die ihn unterstützenden Reichsfürsten für den gebannten Mönch aus Wittenberg erreicht hatte.

Luther hoffte, dort diskutieren zu können. Er hoffte, mit möglichsten vielen päpstlichen Theologen Argument austauschen zu können und dann das: An Cranach in Wittenberg schrieb er: Man habe ihn nicht, wie erwartet, mit 50 Doktoren disputieren lassen, sondern lediglich gefragt: „Sind die Bücher dein? Ja. Willst du sie widerrufen oder nicht? Nein. So heb dich!“ Nüchterner, ernüchternder geht’s kaum.

„So heb dich!“

Keine Diskussion, keine Argumente – roma locuta, cause finita – Rom hat gesprochen, der Fall ist erledigt.

Oder eben doch nicht.

Was am 2. Tag der Anhörung vor dem Kaiser passiert, gilt sozusagen als 2.Reformationstag neben dem 31.Oktober 1517.

Luther steht am 18.April 1521 vor dem Reichstag

Zunächst entschuldigte er sich, dass er vielleicht gegen höfisches Protokoll verstoße. Er sei eben ein Mönch und lebe in den engen Verhältnissen eines Klosters. Dann bekannte er sich zu seinen Schriften und legte dar, welcher Art sie seien. Dabei unterschied er drei Kategorien. Die erste Gruppe von Schriften handele vom Glauben und Sitten; sie würden von vielen Christen gelesen, sogar von seinen Gegnern geachtet und allgemein als sehr nützlich beurteilt. Sie könne er nicht widerrufen. Die zweite Gruppe sei gegen das Papsttum und seine Verteidiger gerichtet; auch sie könne er nicht widerrufen, da der Papst der Antichrist sei und sich über die Bibel stelle. Die dritte Kategorie von Schriften sei gegen einzelne Personen gerichtet gewesen. Hier räumte Luther ein, gelegentlich ungebührlich scharf gewesen zu sein. Doch widerrufen könne er auch diese Schriften nicht, da er sonst der Tyrannei und Gottlosigkeit Tor und Tür öffne.

In der Tat: der hier redete war entschieden, seiner Sache sicher, bis zu Fanatismus und Martyrium überzeugungsfest. Er trat mit seiner ganzen Person, ja mit seinem Leben für die Wahrheit ein, von der er überzeugt war. Und er berief sich auf seinen Herrn selbst: „Weil ich ein Mensch bin und nicht Gott, kann ich meine Schriften nur so verteidigen, wie mein Herr Jesus Christus seine Lehre verteidigt hat. Als er vor Hannas über seine Lehre befragt wurde und ein Diener ihm ins Gesicht schlug, hat er gesagt: ‚Habe ich unrecht geredet, so beweise, dass es Unrecht ist.‘“

Luther forderte Zeugnisse gegen seine Lehre. Er wollte, dass sie ihm endlich sagten, was denn falsch sei an dem, was ihm zur Wahrheit geworden war. ‚Wenn ihr meine angeblichen Irrtümer mit Propheten- und Evangelienworten widerlegt, dann will ich der erste sein, der meine Bücher ins Feuer schmeißt.‘

Es ist die Leidenschaft eines Menschen, den man verurteilt, verdammt, ausgegrenzt hat – und dem man keine Chance ließ, seine Sache im Disput darzulegen. Es geht um das elementare Recht, für eine Überzeugung, für eine Wahrheit einzutreten.

Es geht um das Recht des offenen Diskurses. Es geht darum, einer Auseinandersetzung gewürdigt zu werden. Luther rebellierte mit Feuereifer gegen einen unnahbaren Machtapparat, der ihn mit allen verfügbaren Mitteln kalt zu stellen versuchte. Er bestand darauf, durch Schriftzeugnisse oder klare Vernunftgründe widerlegt zu werden. Er bestand darauf, ernst genommen zu werden. In seiner Widerrufsverweigerung liegt emanzipatorisches Potential. Das in den Worten der Schrift gefangene Gewissen, auf das er sich beruft, ist ein Quell der Freiheit – gegen Willkür, Überwältigung, Nicht-zu-Wort-kommen.

Mit dem Liederdichten begann Luther erst 2 Jahre später. Zwei Klosterbrüder starben für ihr reformatorisches Zeugnis in Brüssel den Märtyrertod. Um seiner Erschütterung Luft zu machen, schrieb Luther: „Ein neues Lied wir heben an“.

Nicht nur die evangelische Lehre auch Luthers Lieder waren lebensgefährlich. In Hildesheim stand auf das Singen von Lutherliedern für Laien der Feuertod, Geistliche wurden einfach ertränkt.

Und trotzdem – die Lieder von Luther und seinen Freunden und hier nenne ich Elisabeth Cruciger ausdrücklich mit „Herr Christ der einig Gotts Sohn“ – reformierten nicht nur den Gottesdienst, Fussballfangesängen ähnlich befeuerten sie die Reformation gerade in den Städten. Gott und das Leben gemeinsam zu besingen,

das schweißt zusammen und macht stark.

Das blieb auch bei den Gegnern der Reformation nicht ohne Eindruck. Im Luther Film gibt es eine Szene am Vorabend des so bedeutsamen Reichstags in Augsburg 1530. Die Evangelischen haben sich das Recht erstritten, dem Kaiser ihren Glauben im Augsburger Bekenntnis darlegen zu dürfen. Und der Kaiser hört am Abend die Massen in der Stadt singen „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“.

War er sich nach dem Reichstag in Worms neun Jahre zuvor noch sicher, „dass ein einzelner Mönch in seiner Meinung irrt, wenn diese gegen die ganze Christenheit steht, wie sie seit mehr als tausend Jahren gelehrt wird.“ – so wusste er nun, dass die Reformation nicht mehr aufzuhalten war.

Bei allem und gerade auch beim Liederdichten ging es Luther um etwas. Er schrieb „Im Singen muss Christus unser Psalm, Lied und Gesang werde. Da kehrt sich dann, das Liedlein um, das man singe. Das Liedlein ‚Mitten wir im Leben wir sind im Tod‘ werde zu ‚Mitten im Tod, wir sind im Leben‘

Wo dies geschehe, so meint Luther, singe ein Mensch voller Ungeduld, nicht nur zur Adventszeit ‚Nun komm der Heiden Heiland‘.

Bei allem theologischen Pragmatismus und Anspruch hat es Luther dann zu Weihnachten dann doch in eine Richtung gerissen, die mehr zu Paul Gerhard und Matthias Claudius passt. Zu Weihnachten kommt auch Luther auf sein eigenes Gemüt zu sprechen, auf den Grund seines Glaubens, darauf, worauf es ihm, bei aller theologischen Notwendigkeit und Klarheit, bei allem Wollen ankommt: „Ach mein herzliebes Jesulein, mach dir ein rein, sanft Bettelein, zu ruhn in meines Herzensschrein, dass ich nimmer vergesse dein.“

Es ist ja umstritten ob und welche Musik es im Himmel geben wird. Karl Barth war davon überzeugt, es sei Mozart zu hören. Manche denken, es seien gewaltige Choräle wie „Jauchzet frohlocket“. Luther mochte Pauken und Trompeten nicht, das war ihm „himmlisches Feldgeschrei“, Orgelmusik „plärrt und schreit“ und Streichinstrumente seien schrecklich, weil da immer nur auf einer Seite gefiedelt wird. Er liebte die Laute und, wie im Psalm vorhin von uns gebetet, die Harfen. Wer sich nun an die zurückhaltende Instrumentierung von „Ich steh an deiner Krippen hier“ im Weihnachtsoratorium erinnert, könnte also auf den Gedanken kommen, dass die Harfenengel im Himmel Bach spielen – und den Luthertext dazu singen.

Amen