Predigt · Invokavit · 22. Februar 2015 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Feb 26, 2015 in Predigten | No Comments

Matthäus 4, 1 – 11

Liebe Schwestern und Brüder,
heute ist der erste Sonntag in der Passionszeit.
In der letzten Woche wurde in vielen Orten Deutschlands am
Rosenmontag Fasching gefeiert
und mit dem Aschermittwoch begann die lange Passionszeit,
durch die wir nun 7 Wochen bis Ostern wandern werden.


An den Antependien in unserer Kirche am Altar und am Rednerpult
erkennen wir an der Farbe Lila, dass die Fastenzeit begonnen hat.


In dieser Zeit soll sich die Christenheit innerlich auf das zentrale
Ereignis unserer Religion vorbereiten – die Kreuzigung und
Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus.


Dazu dienen auch die Texte unserer Sonntage.
Der heutige Sonntag steht unter der Überschrift: Die Versuchung
Und das Evangelium für den heutigen Sonntag ist die Geschichte,
wie Jesus von dem Satan in der Wüste versucht wird.


Wir haben sie eben in der Evangeliumslesung aus dem
Markusevangelium gehört.


Nachdem sich Jesus von Johannes dem Täufer hat taufen lassen,
führt ihn der Geist Gottes in die Wüste –
die Wüste ein Ort der Leere, der Stille,
ein Ort der zum Tod führen kann oder zum Leben,
ein Ort der Entscheidung


Bevor Jesus auf den Weg der öffentlichen Verkündigung tritt,
muss er mit sich, mit dem Versucher und mit Gott um diesen Weg
ringen.
Er muss sich entscheiden zwischen dem Satan und Gott.


Die Botschaft seiner zukünftigen Verkündigung, sein Leben und sein
Sterben entscheidet sich an drei Angeboten, die der Satan ihm
vorlegt.


Das erste ist das Wunder, aus Steinen Brot zu machen.
Seine Antwort darauf: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein,
sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.


Das zweite ist der Sturz von der Zinne des Tempels mit dem Hinweis,
dass die Engel ihn schon tragen werden.
Seine Antwort: Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen.


Das dritte ist die Herrschaft über die Welt, wenn er den Satan anbetet
Seine Antwort: Du sollst anbeten den Herrn deinen Gott und ihm
allein dienen.


„Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.“


Die Entscheidung Jesus ist gefallen, seine Richtung ist geklärt.


Wie aber, liebe Schwestern und Brüder, sieht es denn nun mit uns
aus?
Welchen Weg hat die Kirche in der Zeit danach eingeschlagen?


Hat sie sich diesen Versuchungen widersetzten können, oder ist sie
ihnen im Laufe der Geschichte erlegen?


Es gibt eine wunderbare Geschichte, die ich immer gerne erzähle,
wenn es um die Versuchungsgeschichte geht.
Vielleicht kennen einige diese Geschichte –
es ist die Meistererzählung vom Großinquisitor aus dem Roman
„Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Dostojeweski.


Dostojewski hat in ihr die ganze Brisanz der Kirche im Mittelaltergeschildert, die bis heute aktuell ist.


Ich möchte sie ihnen in stark verkürzter Form erzählen.


Die Handlung spielt im 16. Jahrhundert in Spanien, in Sevilla,
in der Zeit der Inquisition
als zum Ruhme Gottes Tag um Tag im ganzen Land die
Scheiterhaufen loderten.


Da steigt nach fünzehnhundert Jahren Er wieder hinab
auf die glutheissen Gassen und Straßen, in denen erst tags zuvor
vor dem ganzen Hofe und allem Volke von Sevilla
vom Kardinal-Großinquisitor fast einhundert Ketzer
mit einem Schlag den Flammen übergeben worden waren.
Die Scheiterhaufen rauchen noch auf dem Platz vor der Kathedrale.


Still und unauffällig erscheint Er – doch alle erkennen Ihn.
Schweigend und lächelnd wandelt Er unter dem Volk und alle um ihn
herum werden von seiner Kraft angezogen.
Er segnet sie, sie berühren ihn und werden heil.
Die Menschenmenge um ihn herum wird immer größer
und das Spektakel immer lauter.


Da tritt der Kardinal-Großinquisitor auf den Platz vor der Kathedrale,
ein fast neunzigjähriger Greis, hochgewachsen, von gerader Haltung
mit ausgedörrtem Gesicht und eingesunkenen Augen, die dennoch
wie Feuerfunken glühen.


Er beobachtet das ganze Treiben und seine Mine verfinstert sich.
Er reckt einen Finger aus und befiehlt der Wache, Ihn zu ergreifen.


Die Wache führt den Gefangenen in ein finsteres Verlies.
Und in der Nacht tritt der greise Großinquisitor mit einem Leuchter
in der Hand in den Kerker und sagt zu ihm:
„Bist Du es? Du?“
und ohne eine Antwort abzuwarten setzt er hinzu:
“Antworte nicht, schweig.
Was bist du gekommen, uns zu stören? Denn uns zu stören bist Du
gekommen.
Aber wir lassen uns nicht von Dir stören, morgen wirst Du auf dem
Scheiterhaufen verbrennen als der ärgste aller Ketzer.“


Und nun im Schutze der Dunkelheit und allein mit dem Gefangenen
spricht der Greis aus, was er jahrzehntelang verschwiegen hat.


Und Er hört stumm zu.


„Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der Selbstvernichtung und
Verneinung allen Seins hat mit Dir in der Wüste geredet“,
fährt der Greis fort,
und hat Dir drei Fragen kundgetan, die Du verworfen hast.
In diesen drei Fragen aber stecken alle Wunder und Geheimnisse und
alle Macht dieser Welt.
Du hast sie abgelehnt – wir haben sie angenommen.


Das erste: Verwandle die Steine zu Brot und die Menschen werden
Dir wie eine Herde nachlaufen, dankbar und gefügig,
wenn auch beständig zitternd, du könntest deine Hand von ihnen
abziehen und mit Deinen Broten wäre es dann vorbei.


Du aber wolltest den Menschen nicht die Freiheit nehmen und
verschmähtest dieses Angebot, denn was wäre das für eine Freiheit,
sagtest Du, wenn der Gehorsam durch Brot erkauft wird?


Gib Brot und der Mensch fällt vor dir auf die Knie, denn er will
wissen, wen er anbeten kann.
Du hättest sie alle in deine Nachfolge zwingen können,
aber du hast es verschmäht um der Freiheit und um des himmlischen Brotes willen.


Dann führte dich der Geist auf die Zinne des Tempels und sagte zu
Dir: Bist Du Gottes Sohn, so springe hinab, denn es steht
geschrieben, die Engel werden dich auf Händen tragen.


Aber auch das hast abgelehnt.
Du hast das Wunder abgelehnt, das die Menschen doch so nötig
brauchen.
Du bist nicht vom Kreuz herabgestiegen, als man Dir spottend und
höhnisch zurief: „steig herab vom Kreuz, so werden wir glauben,
dass du Gottes Sohn bist.“
Du hast es nicht getan, weil du den Menschen wiederum nicht durch
ein Wunder knechten wolltest.
Dich dürstet nach freiwilligem Glauben, nicht aber nach einem durch
Wunder erkauften Glauben.


Aber schau Dich um und urteile selbst.
Inzwischen sind fünfzehn Jahrhunderte vergangen.
Du hattest eine zu hohe Meinung von den Menschen.
Sie dürsten nach Wundern und nach Geheimnissen.
Wir geben sie ihnen und sie sind uns dafür dankbar.
Wir haben ihnen die Qual der Entscheidung zwischen Gut und Böse
abgenommen, wir sind ihr Gewissen.
Wir gestatten ihnen zu sündigen, sofern sie es mit unserer
Einwilligung tun
und vergeben ihnen großzügig, sofern sie uns darum bitten.


Wir gestatten oder untersagen, mit ihren Frauen und Geliebten zu
leben, Kinder zu haben oder nicht, je nach dem Maß ihres Gehorsams
und sie fügen sich uns willig.


Und die letzte Gabe, die dir der Versucher angeboten hat und die du
so voll Abscheu verschmäht hast – wir haben sie angenommen.
Wir haben Rom von ihm empfangen und das Schwert der Cäsaren,
wir haben uns zu den Herren der Erde erklärt und sie uns untertan
gemacht.
Denn das Verlangen nach einer die ganzen Welt umfassenden
Vereinigung ist ja die dritte und letzte Qual der Menschen.


Stets war das Menschengeschlecht in seiner Gesamtheit bestrebt,
sich um jeden Preis in einer einzigen, den ganzen Erdkreis
umfassenden Gemeinschaft zu verbinden.


Du hättest Schwert und Pupur des Cäsars nehmen können,
Du hättest ein Weltreich begründen und der ganzen Welt den Frieden
bringen können.


Denn wem anders stünde es zu, über die Menschen zu herrschen, als
denen, die ihr Gewissen und ihr Brot in der Hand haben?


Wir haben das Schwert des Cäsars genommen,
doch indem wir es nahmen, haben wir uns von Dir losgesagt
und sind ihm gefolgt.


Aus Mitleid mit diesem schwachen und verwirrten Geschlecht
mussten wir die schwere Last der Macht und der Herrschaft
übernehmen, weil Du es abgelehnt hast.


Es wird also geschehen, wie ich es Dir sage –
unser Reich wird kommen, nicht Dein Reich.
Und morgen werde ich dich auf dem Scheiterhaufen verbrennen,
weil Du gekommen bist, uns zu stören.“


Nachdem der Inquisitor verstummt ist, wartet er auf die Antwort des
Gefangenen.
Aber Er schweigt und sieht ihn nur unverwandt und still an.

Doch der Greis muss eine Antwort haben, und sei sie auch noch so
bitter.
Doch da tritt Er zu dem Greis hin und küsst ihn auf seine blutleeren
Lippen.
Das ist seine ganze Antwort.
Und der Greis öffnet die Tür und sagt zu Ihm:
„Geh, doch komm nie mehr zurück“
Damit entlässt er Ihn in die dunklen Gassen der Stadt
und der Gefangene schreitet davon.


Liebe Schwestern und Brüder, soweit die Geschichte vom
Großinquisitor von Dostojewski.
Was kann ich dieser Geschichte noch hinzufügen?


Der Weg Jesu ans Kreuz hat sich an dieser Geschichte in der Wüste
entschieden.


Dass dieser Weg anstößig ist und selbst von seinen engsten
Begleitern verhindert werden wollte, haben wir am letzten Sonntag in
der Geschichte von Petrus gehört, der Jesus davon abbringen wollte.
Der Messias, der Gottessohn kann doch nicht auf solch eine
furchtbare Weise umkommen, er muss doch das Königtum
übernehmen.


„weiche von mir Satan“, so weist Jesus auch Petrus zurecht.


Der Messias, wie er sich uns in Jesus gezeigt hat, weist alle weltliche
Macht und Herrschaft zurück.


Sein Reich ist eben nicht durch Schwert und Gewalt zu erreichen.


Ein Gottesstaat auf Erden, der mit Blut und gegen Andersgläubige
errichtet wird, wie auch immer er sich nennt – jüdisch, christlich oder
muslimisch – ist nicht das Reich Gottes, das Jesus meint.


Immerzu sind politische und kirchliche Führer in unserem
christlichen Abendland diesem Irrtum verfallen – bis auf den heutigen
Tag.


Die Gegenreaktion erleben wir nun in der arabischen Welt – sie
nennen sich ISIS oder Al-Qaida.


Und hier antwortet man wiederum mit PEGIDA.


Liebe Schwestern und Brüder, Jesus sagt: wer mir nachfolgen will,
der muss mein Kreuz auf sich nehmen –


und das heißt: Der Maßstab all unseren Denkens und Handels soll die
Liebe sein – die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen.


Das eröffnet eine wunderbare neue Welt- und Menschensicht –
das kann aber auch sehr unbequem und sogar lebensgefährlich sein.


Jesus hat es uns vorgelebt – unzählige Menschen sind ihm gefolgt,
sie haben ihn an seiner Seite erlebt – er konnte nicht getötet werden.
Er wird auch uns begleitens
Amen.