Predigt · Erntedankfest · 2. Oktober 2011 · Pfarrerin Renate Kersten

Posted by on Okt 10, 2011 in Predigten | No Comments

Liebe Gemeinde,


was ein wunderbarer Herbst! Man könnte morgens losgehen und
sich den ganzen Tag freuen. Wir haben so viel Grund zu Freude
und Dankbarkeit! Wir hatten seit beinahe 70 Jahren keinen Krieg
im eigenen Land. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern lebt
man überall in Deutschland sehr sicher, auch in Berlin. Auch,
wenn wir uns über Schulen und Schulpolitik aufregen, so ist doch
unbestreitbar, dass viele unserer Kinder engagierte und kreative
Lehrerinnen und Lehrer erleben. Nicht selten sagen Großeltern:
So eine Schule hätte ich auch gern erlebt! Über unsern
Kindergarten höre ich Ähnliches. Die jungen Leute machen
später eigene Erfahrungen im Ausland. Das Internet verbindet.
Und noch nie erreichten so viele Menschen wie heute ein so
hohes Alter. Das ist doch wirklich ein Segen. Grund genug,
dankbar zu sein – jeden Tag.


Wir haben so viel Grund denkbar zu sein, dass Menschen aus
ärmeren Ländern mitunter verstört sind, dass wir nicht den
ganzen Tag singend durch die Gegend laufen. Ich weiß nicht, ob
es immer der Teufel ist, der im Detail steckt. Aber unter der
fröhlichen Oberfläche gibt es Fragen und Angst, und ich nehme
viel schlechtes Gewissenwahr. Das alles lässt sich auf einen
ganz einfachen Nenner bringen: Es gelingt uns nicht, uns voll
und ganz das eigene Wohlergehen zu freuen, solange es so
vielen andern auf der Welt ganz elend geht. Die lange
Friedenszeit in unserem Land ist uns kaum der Rede wert – und
wenn Freude aufkommen will, ist sie getrübt, wenn wir auf die
bewaffneten Konflikte in der Welt schauen und irgendwo im
Hinterkopf doch auch wissen, wie oft da Waffen aus Deutschland
zum Einsatz kommen. In den Genuss am eigenen leckeren
Essen schleicht sich der Zweifel ein, ob es ok ist, viel zu
genießen, wenn andere hungern. Wir können uns beim Streit
über Bildung und die richtige Schule richtig ins Zeug legen. Und
dann wird man ganz stumm, wenn man wieder von einem Kind
erfährt, das aus einer völlig verwahrlosten Wohnung geholt
wurde. Vielleicht fünf, vielleicht acht Jahre alt – und wir wissen,
dass das, was an Förderung an diesem Kind versäumt wurde,
ein ganzes Leben lang nicht aufzuholen sein wird. Und während
die jungen Leute ihre Auslandserfahrungen machen, sehen wir
die Bilder von denen, die gern ihre Erfahrungen bei uns machen
würden, aber in Flüchtlingslagern der Mittelmeeranrainer
festsitzen. Die guten Gaben sind schilernd. Ist das, was wir
haben, wirklich ein Segen?


Verrückte Welt. Können wir nicht einfach einmal nur dankbar und
fröhlich sein, wenigstens an Erntedank? Was mag Gott von uns
denken, denen die unbefangene Dankbarkeit oft so schwer fällt?


Manche werden über dem Zwiespalt verrückt oder leben ihre
Verrücktheit in religiösen Angstphantasien aus. Ich erinnere mich
an einen Bettler im Ruhrgebiet, der sich Johannes nannte, wie
der Prophet des letzten Buches der Bibel. Er fragte nach Geld,
und wenn er etwas bekam, steckte er es in die Gullys und rief
laut, dass er damit den Teufel besiege, der im Geld stecke. Er
hätte nie von „guten Gaben“, sondern immer nur von „Gefahren“
und „Versuchung“ geredet. Wir sind weit von dieser Expressivität
entfernt. Aber das Stress- und Angstklima in unserer
wohlhabenden Gesellschaft ist zumindest bemerkenswert.


Erstaunlich ähnlich klingt für mich die Klage der
Gottesgemeinde in Israel vor mehr als 2000 Jahren. Bei uns
werden diffuses Unwohlsein, schlechtes Gewissen und Angst weniger nicht so auf Gott bezogen. Damals sah man darin ein
Zeichen, dass Gott seine Gemeinde ignoriere – obwohl sie so
fromm war und versuchte, alles richtig zu machen. Fasten,
beten, alles zu seiner Zeit. Aber – von oben kam nichts zurück.
Die Gemeinde blieb mit sich selbst allein.
„Warum fasten wir, und du siehst es nicht an?“ hieß es damals.
Das klingt mir wie „Warum mach ich seit Jahren Yoga und
Meditation, ohne die Erleuchtung zu spüren?“ Warum klingt das
Gebet manchmal so hohl, als spräche ich mit mir selbst? Gott
antwortete durch den Propheten: Die Beziehung zu mir ist nicht
ohne die Beziehung zu Menschen zu haben. Wer sich mit mir
Mühe gibt und andere Menschen gleichgültig und verächtlich
behandelt, wird erleben, dass ich genau bei dem Menschen bin,
der verachtet wird. Alle hängen mit allen zusammen. Dankbarkeit
und Lebensfreude stellen sich nicht einfach so ein. Auch nicht,
wenn äußerlich alles im Lot scheint.


Davon kann man sich auch nicht frei kaufen. Die bemühte
Korrektheit in Sachen bio und fair nützt nichts. Auch Spenden
nicht, besonders nicht, wenn sie nach der Frontex-Logik
gegeben werden: Ich investiere, damit mir andere vom Leibe
bleiben, am besten, außerhalb des Landes oder zumindest
außerhalb unseres Stadtviertels.
Wenn es in meinem Tun und Lassen primär um mich geht, wer
weiß, ob sich Gott dann überhaupt verschließen muss oder ich
es tue. Wenn ich bete, damit ich mich wohl fühle oder ein
spirituelles Hoch erlebe – warum sollte Gott sich da einmischen?
Wenn ich bio und fair kaufe, damit ich kein schlechtes Gewissen
habe? Wenn ich auf Ökostrom umstelle, weil ich mich damit
einfach besser fühle und weil ich mein schlechtes Gewissen
nicht ertrage – kurz: Wenn es immer nur um mich geht, bin ich
sehr alleine mit mir. Das fördert weder Freude noch Dankbarkeit.
Nicht nur „küssen kann man nicht alleine“. Auch, um „Danke!“
sagen zu können, brauche ich ein Gegenüber.


Das Gegenüber „Gott“, bei dem unser Dank an der richtigen
Adresse ist, birgt alle Verheißung und alle Unberechenbarkeit,
die ein echtes Gegenüber nun mal hat. Wer wüsste besser als
die Propheten, wie anstrengend Gott sein kann! Wer sich auf
Gott einlässt und mit Gott redet, bekommt Antworten. Durch
Jesaja sagte er:


„An dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach
und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert
und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. […]
Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die
du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes
Joch weg!
Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach
sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn,
und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein
Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird
schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir
hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug
beschließen.
Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du
schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner
Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht
übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und
den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis
aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“


Frömmigkeit ohne Gerechtigkeit – das wird nichts. Damals
bezogen sich die Worte auf das Volk Israel als seine Gemeinde.
Heute können wir nicht anders, als uns als Menschheitsfamilie
zu betrachten. Und Gott appelliert an unsere corporate identity,
unsere Zusammengehörigkeit als Menschheitsfamilie. Heil werden wir nur gemeinsam. Denn alles ist so miteinander
verwoben, dass uns ohne das Wohlergehen anderer etwas am
eigenen Wohlergehen fehlt.


Das, was Gott verlangt, klingt im Prophetenwort beflügelnd und
einfach. Es ist nicht so. Wir sind in Zusammenhänge
eingebunden, die wir nicht angestoßen haben. Ein Beispiel:
Weder Sie noch ich haben die Baupläne Kleidungsproduktion im
Fernen Osten gezeichnet. Aber wir wissen, dass die
Produktionsbedingungen in vielen Fällen menschenunwürdig
sind – und wir wissen, dass die Waren in unserem Land ver- und
gekauft werden. Unrecht ist sichtbar und ungreifbar zugleich
geworden. Auch dort wo es näher ist, auch hier in unserer Stadt,
scheint es oft fast unmöglich, „mit dem Hungrigen sein Brot zu
brechen“. Schnell wird klar, wie vieles sich ändern müsste, damit
alle in Frieden und Gerechtigkeit leben könnten. Manchmal ist es
auch der große, fast totalitäre Anspruch auf Gerechtigkeit für
alle, der sich lähmend auswirken.


Jesus, der für mich Gottes Gerechtigkeit verkörpert, hat da
vergleichsweise kleine Brötchen gebacken. Heilungen und
Wunder – aber kein Masterplan für den Mittelmeerraum. Er ist
immer den Weg des Gegenübers, den Weg der Begegnung
gegangen. Er stand nicht (wie ich in meinen Gedanken so oft)
über Dingen und Menschen, sondern mittendrin. Das genügte,
um Impulse zu geben, die uns heute noch beschäftigen. Es sind
einfache Wahrheiten: Das, was ich habe, habe ich nicht für mich
allein. Zeit und Geld, Freude und Begabungen, Trauer und
Schmerz – wer nicht teilt, verliert ein Stück des Menschseins.
Und teilen kann ich immer nur das, was mir selbst gehört. Dass
ich ein paar Ideen habe, was „Reiche“ mit ihrem Gut anfangen
könnten – geschenkt. Die nächste Wahrheit: Nicht nur, was ich
tue, auch was ich lasse, kann heilsam sein. Einfach ein paar
Dinge lassen. Niemanden verachten. Sich nicht über andere
aufregen. Das eigene Ego nicht auf Kosten anderer pflegen.


Der innere Weg mit Gott und der äußere Weg des Tuns lassen
sich nicht trennen. Auch der öffentliche und der private Weg
nicht. Jesus hat geheilt – das war fast privat und ziemlich intim.
Und er hat gepredigt, öffentlich wie die Propheten. In seiner
Nachfolge ist es die Aufgabe jedes und jeder einzelnen, zu
teilen, was uns am leben hält. Essen und Zeit, Geld und
Glauben. Und es ist unsere Aufgabe als Gemeinde. Gott selbst
widerspricht ganz entschieden einem Glauben als Privatsache in
dem Sinne, dass er sich aus den globalen Fragen der
Gerechtigkeit heraushält. Dabei ist weniger gefragt, dass wir die
Detailpläne liefern. Dafür gibt es gute Leute. Sondern es ist
wichtig, dass wir den Anspruch und die Vision festhalten, weiter
tragen, und in kleinen Schritten zeichenhaft leben. Das gibt
Orientierung, und die wird in der Gesellschaft gebraucht. Unsere
offene Kirche, die Suppenküche der Franziskaner, das Caritas-
Hospiz, das Stadtkloster Segen, jeder Gottesdienst den wir
halten – überall da setzen wir uns dem Anspruch Gottes aus. Wir
erfüllen ihn nie ganz, wir bleiben dahinter zurück, das ist wahr.
Aber wir tragen dazu bei, dass er in unserer Zeit lebendig bleibt.


Der Weg zu mehr Gerechtigkeit kann nur entstehen, wenn sich
Menschen neu aufeinander und auf Gott einlassen. Teilen
verändert beide, Empfangende und Gebende. „Wenn du den
Hungrigen dein Herz finden lässt“, heißt es hier bei Jesaja –
dann wird es auch das eigene Leben verändern. Gott geht es
immer um das Herz. Angst und schlechtes Gewissen möchte er
gerne verschwinden lassen. Gott glaubt an uns, er traut uns
etwas zu – und er fordert uns heraus. Zur Begegnung mit
anderen, die zur Begegnung mit ihm selbst wird.

Gottes Segen ist zum Greifen nah. Die Stille am frühen
Sonntagmorgen, das Lachen und Weinen der Kinder, der schöne
Herbst. Essen und Trinken, Frieden und Fairness. Viele warten
darauf, dass sie daran Anteil haben. Gebe uns Gott seinen
Geist, dass wir ihnen mutig begegnen. Amen.