Predigt · Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres · 8. November 2015 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

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Lukas 17, 20 – 24

Liebe Schwestern und Brüder,


es gibt Jahreszeiten und Monate, die uns in ganz besonderer Weise
ansprechen.
Es sind Stimmungen, Gefühle, die wir nicht einfach draußen lassen
können vor der Kirchentür. Dazu gehört der November.
Das Jahr geht zu Ende.
Wir merken es an den kürzer gewordenen Tagen, an der Dunkelheit.
Herbstlicher Nebel legt sich auf die Wiesen und erster Raureif kündet
davon, dass die Natur nun für viele Wochen im Schlaf verharren
wird.
Der Wechsel der Jahreszeiten erzählt uns etwas von Gottes
Schöpfung, die uns über das Jahr hinweg in ganz verschiedener
Gestalt begegnet: in Saat und Ernte, in Sonne und Regen, in Sommer
und Winter.
Und wir spüren in diesem Wechsel der Zeiten, dass auch unsere Zeit
nicht einfach gleichförmig abläuft und uns durch die Finger rinnt,
sondern von Gott gestaltete Zeit ist.
Der Monat November mit seiner eigenen Stimmung lässt uns spüren,
dass alles seine Zeit hat und vergänglich ist.
Wenn unsere Tage gezählt sind, ist jeder einzelne wertvoll und wir
nehmen wahr: Ja, das ist mein Leben, unverwechselbar und
einzigartig in allen Höhen und Tiefen.
Dabei kann es sein, dass Erinnerungen wach werden und sich Fragen
nach dem eigenen Leben aufdrängen.


In den kurzen Tagen bei meist bedecktem Himmel wird so manchem
die Schwere von Lebensereignissen besonders deutlich. Der Verlust
eines Menschen, die Trauer über eine zerbrochene Liebe, das
Scheitern von Lebensentwürfen.


Viele halten in dieser dunklen Zeit des Jahres inne und erinnern sich
noch einmal bewusst an das, was ihr Leben ausmacht, was es geprägt
und geformt hat.


Dazu gehören auch die Gedenktage, die wir im November begehen:
Der Toten- oder Ewigkeitssonntag am Ende des Monats. Der
Volkstrauertag am kommenden Sonntag und der Buß- und Bettag.


Auch der 9. November, den wir morgen begehen, birgt Erinnerungen,
die zu unserer Geschichte gehören.
Einer Geschichte, die unser Land geprägt hat und der wir uns nicht so
einfach entziehen können.
Einer Geschichte aber auch, in der sich für uns Christen Gottes Nähe
und Gottes Ferne auf überraschende und schmerzliche Weise
ausdrückt.


Zuerst eine Erinnerung an den Gedenktag der Gottesferne.
Der 9. November von 1938 – die Reichs-Kristallnacht oder auch
Reichspogromnacht genannt – bezieht sich auf die Nacht vom 9. auf
den 10. November, in der vom nationalsozialistischen Regime im
gesamten Deutschen Reich Gewaltmaßnahmen gegen Juden
organisiert und gelenkt wurden.
Dabei wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Menschen
ermordet oder in den Suizid getrieben. Über 1.400 Synagogen,
Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende
Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört.
Ab dem 10. November wurden ungefähr 30.000 Juden in
Konzentrationslagern inhaftiert.

Diese Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der
deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp
drei Jahre später in den Holocaust mündete.


Und die Christen, bis auf wenige Ausnahmen, haben dazu
geschwiegen.
Der 9. November ein Gedenktag der Gottesferne.


Der 9. November aber auch ein Gedenktag der Gottesnähe.
Am 9. November 1989 fiel die Mauer und ein gespaltenes Europa
kam ohne Blutvergießen wieder zusammen.
Dass eine gewaltfreie Veränderung von Friedensgebeten in der
Kirche ausgehen konnte und sich mit der Bewegung der Menschen
im ganzen Land vereinigte, ist für uns unvergesslich.
Es ist ein Beispiel für die Wahrheit der Predigt Jesu, der von der
Macht der Ohnmächtigen spricht, wenn er die Herrschaft Gottes
beschreibt.
Der 9. November ein Tag der Gottesnähe.


Fragen nach Gottes Nähe und nach Gottes Ferne durchziehen unser
ganzes Leben. Wo war Gott in Auschwitz? Aber auch: Wo war Gott,
als ich mein Kind verlor? Als ich von meiner Krebserkrankung
erfuhr? Als meine Frau mich verließ?
Traumatische Ereignisse in unserem Leben lassen uns danach fragen,
wo Gott ist und ob es Gott überhaupt gibt.
Andererseits haben wir selten Zweifel daran, dass Gott die Hand im
Spiel hat, wenn sich etwas zum Positiven wendet. Wenn wir von
einer Krankheit geheilt werden; wenn wir den Partner oder die
Partnerin fürs Leben gefunden haben;


„Gott sei Dank“, können wir in solchen Situationen sagen und sind
gewiss: Da war Gott nahe.


Die Frage nach der Gottesferne und der Gottesnähe beschäftigt auch
die Menschen zur Zeit Jesu.
„Wann kommt das Reich Gottes“, fragen sie ihn.
Die Zukunft interessiert sie besonders, weil das Land, in dem sie
leben, eine schwere Zeit durchmacht.
Israel war von der römischen Staatsmacht besetzt worden, und diese
hatte eine harte Herrschaft errichtet. In dieser Situation erhofften sich
die Menschen, dass das Reich Gottes die Wende bringen werde, dass
alles, wirklich alles gut werde.
Darum erwarteten sie mit Spannung das Reich Gottes. Je eher es
käme, umso besser.


Aber Jesu Antwort ist nicht die, die die Leute erwartet hatten.
Er nennt kein Datum, nicht einmal ein fernes in der Zukunft.
Er sagt: „Das Reich Gottes kann man nicht sehen. Das Reich Gottes
ist mitten unter euch.
“ Martin Luther übersetzt noch genauer: „Das Reich Gottes ist
inwendig in euch“, will heißen: „In euch selbst drinnen.“
Man hat viel und oft darüber gerätselt, was das wohl bedeutet: „In
euch oder inwendig in euch.“ Zumal Jesus noch eins drauf setzt und
behauptet, das Reich bestehe nicht in äußerlich sichtbaren Dingen.
„Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man´s beobachten kann.“
Man wird auch nicht sagen können: „Siehe, hier ist es! Oder: Da ist
es! Denn siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch“.


Widerspricht das nicht unseren Erfahrungen, das wir Gottes Nähe
immer dann zu erkennen meinen, wenn uns, äußerlich sichtbar, Gutes
widerfährt?

Aber Jesus geht es hier um etwas anderes.


Ihm geht es um Gewissheiten, die unabhängig von den
Glücksmomenten unseres Lebens bestehen.


Ihm geht es darum, die Menschen auch nach enttäuschten Erlebnissen
aufs Neue der göttlichen Nähe und des göttlichen Beistandes gewiss
zu machen. Auch in Zeiten von erfahrener Gottesferne nicht zu
verzagen, sondern festzuhalten an den Verheißungen vom
kommenden Reich Gottes.


Ich denke dabei an eine Frau aus unserer Gemeinde, die wir im
Sommer zu Grabe getragen haben – Eva-Maria Stege.
1945 wird Eva-Maria mit 16 Jahren aus einem Flüchtlingstreck
wahllos herausgegriffen und ist schutzlos der brutalen Gewalt von
Männern ausgesetzt.
Sie wird nach Sibirien gebracht. Hier erlebt sie die dunkelsten Jahre
ihres Lebens. Sie überlebt diese Zeit nur in dem Glauben, dass sie für
die Schuld des deutschen Volkes büßt. Oftmals am Abgrund des
Lebens erfährt sie immer wieder Bewahrung und Rettung durch
Menschen, die ihr helfen, auch russische Menschen.
Ihr Glaube an einen Gott, der ihr nahe ist, der ihr beisteht auch in der
Hölle – lässt sie überleben.
Ihr Glaube an eine andere Welt, eine bessere Welt, eine, wie Christus
sie versprochen hat, nährt immer wieder ihre Hoffnung und ihren
Lebensmut.
Ich habe Eva-Maria Stege wegen dieses Glaubens immer wieder
bewundert.
„Denn siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch“ – so sagt es
Jesus.
Liebe Schwestern und Brüder, es ist uns allen von Gott eingepflanzt –
eingehaucht worden – wir müssen es nur entdecken und nichts und
niemand kann es uns nehmen.


Und wenn wir im Vaterunser bitten: „Dein Reich komme“ – dann
bitten wir um die Auferstehung der Hoffnung und des Lebens mitten
in der Dunkelheit, die uns umgibt.


Hanns Dieter Hüsch hat das in einem Gedicht so ausgedrückt:


Ich seh´ ein Land mit neuen Bäumen.
Ich seh´ ein Haus mit grünem Strauch.
Und einen Fluss mit flinken Fischen.
Und einen Himmel aus Hortensien seh´ ich auch.


Ich seh´ ein Licht von Unschuld weiß.
Und einen Berg, der unberührt.
Im Tal des Friedens geht ein junger Schäfer,
der alle Tiere in die Freiheit führt.


Ich hör´ ein Herz, das tapfer schlägt,
in einem Menschen, den es noch nicht gibt,
doch dessen Ankunft mich schon jetzt bewegt.
Weil er erscheint und seine Feinde liebt.


Das ist die Zeit, die ich nicht mehr erlebe.
Das ist die Welt, die nicht von uns´rer Welt.
Sie ist aus feinstgesponnenem Gewebe,
und Freunde, glaubt und seht: sie hält.


Amen