Predigt · Christnacht · 24. Dezember 2015 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Dez 27, 2015 in Predigten | No Comments

Matthäus 2, 13 – 15a

Liebe Schwestern und Brüder,
Nun haben sie es geschafft, den Heiligen Abend,
und ich hoffe, es ist ihnen gelungen, diesen Abend zu aller
Zufriedenheit zu gestalten.


Und wenn es ihnen nicht gelungen ist, dann seien sie um so
herzlicher hier in der Kirche willkommen.


Hier dürfen sie zur Ruhe kommen, hier müssen sie nichts mehr
leisten,
hier dürfen sie die wunderschöne Musik und die alten Texte hören,
die Wärme dieses Hauses spüren
und die Lichter in der Dunkelheit sehen


hier dürfen sie sich nur öffnen für das Geschehen dieser besonderen
Nacht.


Wir feiern heute die Geburt Gottes als ein kleines menschliches Kind
inmitten dieser turbulenten Welt.


Und diese Geburt ist umgeben von lauter Widrigkeiten und
Schwierigkeiten.


Da hat Josef in der Nacht einen Traum, in dem ein Engel zu ihm
spricht:
„Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach
Ägypten und bleibe dort, bis ich dir´s sage, denn Herodes hat vor, das
Kindlein zu suchen, um es umzubringen.“


Josef hört auf die Stimme des Engels, und flieht nach Ägypten.
Die Geburt Jesu beginnt mit Todesgefahr und Flucht.


So erzählt es der Evangelist Matthäus.
Er zieht damit eine Parallele zum Schicksal des Propheten Mose, der
sein Volk Israel auf der Flucht vor Todesgefahr und Unterdrückung in
die Freiheit geführt hat.
Mose und Jesus – sie beide stehen für den Evangelisten Matthäus
als die beiden Männer, die Gott auserkoren hat, für die große
Befreiungstat, die Gott zuerst seinem Volk Israel
und dann durch Jesus der ganzen Welt verheißt.


Flucht vor Terror, Hunger und Gewalt – so hat es das Volk Israel in
alter Zeit erlebt, so erlebt es auch die heilige Familie,
so haben es Generationen vor uns erlebt,
so werden es Generationen nach uns erleben.


So erleben wir es auch gegenwärtig durch die Flüchtlingsströme,
die Europa und unser Land erreichen.


Die Propheten im Alten Testament mahnen stets ihr Volk, auf die
Schwächsten und Geringsten im Lande acht zu geben –
und das waren die Witwen, die Weisen und die Fremdlinge,
denn sie haben keine Familie, die ihnen Schutz und Sicherheit bietet.
Sie sind auf die Fürsorge einer Gesellschaft angewiesen, die diese mit
Gesetzen und Regeln ordnen muss
und diese –
im Notfall auch gegen die mehrheitliche Stimmung im Volk –
durchsetzten muss.


„Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Land, den sollt ihr
nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen, wie ein Einheimischer
unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid
auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der Herr, euer
Gott.“
(3. Mose, 19,33,34) –
so steht es im 3. Buch Mose,
so ist der Wille Gottes, so soll das Volk Gottes handeln.


Dass die Realität oft genug völlig anders aussieht, erfahren wir auch
aus der Heiligen Schrift.
Aber deswegen wurden die Gesetze nicht abgeschafft –
im Gegenteil, die Propheten und Priester, die ihre Heilige Schrift
kannten und ernst nahmen, wiesen hartnäckig auf solche Missstände
hin und ermahnten das Volk und seine Könige, die Gesetze Gottes zu
achten und sie einzuhalten.


Auch Jesus, als frommer Jude, kannte seine Heilige Schrift – das
Gesetz und die Propheten.
Auch er ermahnt seine Jünger und Jüngerinnen,
den Hungrigen zu Essen zu geben, die Nackten zu kleiden, die
Kranken und Gefangenen zu besuchen und die Fremden
aufzunehmen.


Liebe Schwestern und Brüder,
wenn, wie so viele jetzt, Angst vor kultureller und religiöser
Überfremdung haben
und plötzlich ihre christliche Identität entdecken, indem sie rufen
„Wir sind ein christliches Land“,
dann bin ich doch einigermaßen im Zweifel, ob sie wirklich wissen,
was sie da tun.
Eine Kenntnis der Christusbotschaft, oder zumindest der Wille,
sich damit auseinander zusetzten,
sollte schon die Grundlage für solch ein Christusbekenntnis sein.


Dass die großen Flüchtlingsströme uns vor immense
Herausforderungen stellen, uns verunsichern und vielleicht auch
ängstigen, will ich gerne zugeben.
Aber als Christen sollten wir doch zumindest nicht die Augen vor
dem Elend dieser Menschen verschließen,
vielmehr sollten wir unseren europäischen Anteil an den
Fluchtursachen suchen und darauf hinwirken, dass diese beseitigt
werden.


Liebe Schwestern und Brüder, eins aber macht mir in dieser Zeit
wirklich Hoffnung.
Das ist die immense Hilfsbereitschaft und die unzähligen
Ehrenamtlichen im ganzen Land,
die einfach losgehen in die Flüchtlingsheime, in die Turnhallen, auf
die Bahnhöfe und ihre Hilfe anbieten,
die nicht nur Zeit und Geld investieren, sondern sogar ihre
Wohnungen für Flüchtlinge öffnen und so eine Willkommenskultur
praktizieren, die überwältigend ist.


So sehe und höre ich es,
so erfahre ich es auch hier in unserer Gemeinde in Pankow.


Viele von diesen Menschen tun das aus humanitären und
rechtsstaatlichen Gründen,
viele tun das aber auch, weil sie sich den Grundsätzen ihrer Religion
– der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe –
verpflichtet fühlen –
seien sie nun Juden, Christen oder Muslime.


Und das ist für mich die schönste Weihnachtsbotschaft in diesen
Tagen.


Machen wir uns doch eines klar: Wenn damals Ägypten der Heiligen
Familie kein Asyl gegeben hätte, würden wir heute kein Weihnachten
feiern.