Predigt · Christnacht · 24. Dezember 2014 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Dez 28, 2014 in Predigten | No Comments

Matthäus 1, 18 – 21

Schön, dass Sie den Weg in unsere Kirche gefunden haben,
gut, dass sie diesen Abend gemeinsam mit uns ausklingen lassen.


Wir lassen uns in den Liedern und Texten daran erinnern, was der
eigentliche Anlass für dieses Fest ist –
die Geburt eines Kindes mit Namen Jesus.


Sehr unterschiedlich wird uns dieses Ereignis in der Bibel überliefert,
eine Überlieferung hören wir jetzt aus dem Matthäusevangelium:


18 Die Geburt Jesu geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem
Joseph vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie
schwanger war von dem heiligen Geist.
(Lukas 1.35) 19 Joseph aber,
ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen,
gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.
20 Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des
HERRN im Traum und sprach: Joseph, du Sohn Davids, fürchte dich
nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen
hat, das ist von dem heiligen Geist. 21 Und sie wird einen Sohn
gebären, den sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein
Volk retten von ihren Sünden.
(Psalm 130.8) (Lukas 2.21)
(Apostelgeschichte 4.12) 22 Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt
würde, was der HERR durch den Propheten gesagt hat, der da
spricht: 23 „Siehe, eine junge Frau wird schwanger sein und einen
Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben“, das
heißt übersetzt: Gott mit uns.
24 Als nun Joseph vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm des
HERRN Engel befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. 25 Und
er berührte sie nicht, bis sie ihren ersten Sohn gebar; und er gab ihm
den Namen Jesus.


Eine eigenartige Geschichte
Da stellt ein Mann fest, dass die Frau, mit der er verlobt ist, die ihm
also versprochen wurde, schwanger ist.


Und Josef weiss sehr genau, dass er nicht der Vater ist,
denn es war nicht üblich, vor der Hochzeit intim zusammen zu sein.


So bleibt der berechtigte Verdacht, dass Maria fremd gegangen ist.


Und weil, wie es heißt: Josef ein frommer Mann war, wollte er Maria
nicht in Schande bringen und sie heimlich verlassen.


Er könnte auch anders.


Wenn eine Frau einem Mann versprochen war, durfte kein anderer
Mann sie berühren. Eine Schwangerschaft von einem fremden Mann
galt als Ehebruch.
Und Ehebruch wurde vor dem Gericht mit der Todesstrafe geahndet.


Aber Josef will Maria nicht in Schande bringen, er verzichtet auf sein
Recht,
er will keine öffentliche Debatte, in der er Maria bloßstellt,
bei Maria bleiben kann er aber auch nicht, sein Vertrauen zu ihr ist
gebrochen.
Er will sie heimlich verlassen –
das könnte auch für Maria ein Schutz sein – denn dann steht sie da
als die verlassene schwangere Frau
und niemand kennt die Gründe außer Maria.


Und dann erscheint ihm im Traum ein Engel, der ihm sagt, dass er
sich nicht fürchten soll, denn das Kind, das Maria erwartet, ist ein
von Gott gewolltes und gesandtes Kind.


„Vom Heiligen Geist“ heißt es – was das auch immer sein mag – und wie die Schwangerschaft auch immer zustande gekommen sein mag –
es ist ein Gotteskind.


Und Maria hat sich dafür entschieden –
sie hätte sich auch dagegen entscheiden können.


Eine Schwangerschaft stellt von jeher eine Frau vor die Wahl,
sich dafür oder dagegen zu entscheiden.


Maria hat sich trotz widriger Umstände dafür entschieden
und hat damit Josef in einen rasenden Schmerz getrieben.


Doch auch Josef ist kein gewöhnlicher Mann – er achtet auf seine
Träume und hört auf die innere Stimme,
die ihm eine göttliche Weisung ist –
die Bibel spricht von einem Engel .


Und diese Stimme sagt ihm: Fürchte dich nicht: dieses Kind ist ein
Gotteskind – ein von Gott gewolltes Kind.


Und das Wunder geschieht – er entscheidet sich auch für das Kind.


Josef übernimmt für das Kind die Vaterrolle
und für Maria wird er der fürsorgliche Mann, der mit seiner Frau
durch Dick und Dünn geht.


Viele gemeinsame Kinder bekommen sie danach,
zwei seiner Brüder gehören dann sogar zur Jüngerschaft Jesu.


Maria und Josef – sie sind beide bemerkenswerte Menschen,
sie bedienen beide nicht die traditionellen und kulturellen
Verhaltensweisen, die von ihnen gefordert werden.


Sie durchbrechen beide die Normen und Grenzen,
die ihnen durch ihre geschlossene Gesellschaft gesetzt sind.


Sie bewahren sich die Freiheit, auf ihr Gewissen –
auf die Stimme Gottes – zu hören


Die Kraft für diese Freiheit erhalten sie durch ihr Gottvertrauen.
Sie trauen Gott mehr zu als allen menschlichen Vorstellungen und
Anstrengungen.


Dabei sind sie keineswegs gebildete Intellektuelle,
durchdrungen vom Geist der Freiheit und der Selbstbestimmung.


Nein – sie gehören der armen Unterschicht an, die um ihr Überleben
kämpfen müssen,
wahrscheinlich auch Analphabeten waren,


die aber bei allem Überlebenskampf die Weisheit des Herzens
und ihr Gottvertrauen bewahren konnten.


In solch einer Atmosphäre wächst der kleine Jesus heran.


Wir entdecken in seinen späteren Reden über Gott eine sehr enge und
vertrauensvolle Vaterbeziehung.


Gott hat sich ihm als ein liebevoller und fürsorglicher Vater offenbart,
den er mit Abba – das heißt: „Väterchen“ ansprechen kann.


Hat Josef dem Jesus dieses positive Vaterbild vorgelebt
und es Jesus mit auf den Weg zu seinem himmlischen Vater gegeben?


Wir wissen wenig über Josef, aber das wenige ist es wert, genau
angeschaut zu werden.


Diese Weihnachtsgeschichte ist eine Mutmachgeschichte für ein Leben in vollem Gottvertrauen.


Es ist eine Geschichte gegen die Angst –
die Angst vor dem Leben und seinen Herausforderungen,
die Angst vor dem Unberechenbaren und Unkontrollierbaren,
die Angst vor dem Einbruch der göttlichen Welt in unsere erstarrten
und lieblosen Strukturen.


Es ist eine Geschichte über die Liebe und über die Freiheit,
die uns Gott schenken will, wenn wir uns ihm anvertrauen.
Amen.