Predigt · Christnacht · 24. Dezember 2013 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

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Lukas 2, 7

„Und Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und
legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der
Herberge.“


In seinem unergründlichen Ratschluss hat es Gott gefallen,
von seinem Himmelsthron herabzusteigen auf diese Erde.


Er wollte Mensch sein – von der Geburt bis zu seinem Tode.


Er wollte am eigenen irdischen Leibe erfahren, was es bedeutet,
Mensch zu sein in allen Höhen und Tiefen.


Er wollte seinem Geschöpf – dem Menschen – gleich sein
in aller Schwachheit aber auch in aller Größe.


Er wollte dem Menschen nahe sein – so nahe, dass ihm nichts mehr
verborgen ist, was den Menschen bewegt an Gutem wie an Bösem.


Er wollte mit gehen mit ihm auf der Wanderschaft durch dieses
irdische Leben, ihn begleiten auf seinen geraden wie auf seinen
Irrwegen.


Gott wollte ein Mensch sein.


Warum? – fragen wir.
Es ist ihm nicht gut bekommen auf dieser Erde.


Der Anfang war schon schwierig.
Unterwegs geboren,
in einem Stall,
dann auf der Flucht vor einem machtbesessenen Kindermörder.


Und später dann – ein Leben auf der Wanderschaft,
ohne Hab und Gut, ohne Familie,
nur mit Freunden und Freundinnen.


Das Ende war furchtbar – eine grausame Hinrichtung.


Warum wollte Gott Mensch werden?


Aus Liebe zu uns Menschen – lesen wir in der Bibel.


Zu welchen Menschen – zu allen Menschen?


Ja, sicher zu allen Menschen –


aber
den Leib seiner Mutter hat er sich nicht in einer mächtigen
Herrscherin erwählt.


Den Ort seiner Geburt hat er sich nicht in einem Palast gesucht.


Die Kunde seiner Geburt wurde nicht mit Fanfaren durch alle Lande
ausposaunt und von Kaisern und Königen gewürdigt.


Eine junge Frau aus niedrigem Stande trug ihn neun Monate.
Ihr Mann half ihr bei der Geburt.


Ein Zimmer und ein Bett wurden ihnen verweigert,
sie mussten das Neugeborene in eine Futterkrippe legen.


Die ersten, die von dieser Geburt erfuhren, waren arme Tagelöhner –
Hirten – die Ärmsten unter den Armen.

Gott wollte Mensch werden – er wollte es so.


Und nicht nur, dass er es so wollte,
er würdigte mit dieser Entscheidung die junge mutige Frau, die sich
trotz der widrigen Umstände für diese Schwangerschaft entschied,
er würdigte den Beistand des liebenden Ehemannes,
er heiligte den Ort der Geburt – den armen dürftigen Stall,
und erhöhte mit der Nachricht von der göttlichen Geburt
die Hirten in ihrem elenden Leben.


Aus Liebe zu den Menschen ist Gott Mensch geworden.


Und wohl zu aller erst zu den Menschen,
denen die Würde genommen wurde,
die ausgegrenzt und abgewiesen wurden,
die verwundet wurden an Leib und Seele,
die nicht mehr mithalten können im gesellschaftlichen Getriebe.


Zu ihnen ist er gekommen, um ihnen ganz nahe zu sein,
sie wieder aufzurichten
und ihnen ihre Würde wieder zurück zu geben.


Das einzige, was der Mensch tun muss, ist,
sich dieser Liebe im Vertrauen hinzugeben.


Dieser Liebe in seinem Inneren eine Herberge zu geben.


Und dann geschieht das Wunder der Heilung.


Dann wird das Wort Gottes Fleisch –
das Wort von der Versöhnung, vom Frieden und von der
Gerechtigkeit wird Realität – im Inneren und im Äußeren.


Liebe Schwestern und Brüder, einem jeden von uns will Gott nahe
sein
und Herberge in uns finden.


Tröstlich an dieser Geschichte ist, dass selbst bei einer
Herbergsverweigerung Gott einen Weg findet, in diese Welt zu
kommen,
dann nimmt er eben einen Stall,
oder ein Flüchtlingsheim.


Wenn wir ihn suchen, wird er nicht fern sein.
Amen.