Predigt · Buß- und Bettag · 18. November 2020 · Jes Möller

Posted by on Nov 25, 2020 in Predigten | No Comments

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

als Predigttext zum Buß- und Bettag hören wir das Wort eines Propheten aus dem Alten Testament. Das Wort Prophet kommt aus dem Altgriechischen und das bedeutet „Fürsprecher“ oder „Sendboten“. Wir verstehen prophetisches Reden nur, wenn wir dies wissen. Propheten sind Fürsprecher Gottes, sie sagen nicht die Zukunft voraus, sie prophezeien nichts. Sondern Propheten geben uns ein Update, sie aktualisieren Gottes Wort für ihre Zeit. Oft sind sie besonders radikal, ja lassen eine richtige Schimpfkanonade los. Uns passt das nicht, weil unser Gottesbild geprägt ist von einem liebenden Gott, und dann kommen Propheten, bei denen es richtig knallt, und geben das sogar noch als Wort Gottes aus.

Auch im heutigen Predigttext bekommen wir eine richtige Wutrede zu hören. Der Text steht bei Jesaja im ersten Kapitel. 

Der HERR fragt: »Was soll ich mit euren vielen Opfern anfangen? Ich habe genug von euren Schafböcken und dem Fett eurer Mastkälber; das Blut eurer Opfertiere ist mir zuwider, sei es von Stieren, Ziegenböcken oder Lämmern. Ihr kommt zum Tempel und wollt dort in meine Gegenwart treten. Doch in Wirklichkeit zertrampelt ihr nur meinen Vorhof. Hat irgendjemand das von euch verlangt? Hört endlich mit diesen nutzlosen Opfern auf! Ich kann euren Weihrauch nicht mehr riechen. Ihr feiert bei Neumond und am Sabbat, ihr kommt zu den Gottesdiensten und den jährlichen Festen zusammen, aber ich verabscheue sie, weil ihr an euren Sünden festhaltet. Darum hasse ich alle diese Festversammlungen! Sie sind mir eine Last, ja, sie sind für mich unerträglich geworden! Streckt nur eure Hände zum Himmel, wenn ihr betet! Ich halte mir die Augen zu. Betet, so viel ihr wollt! Ich werde nicht zuhören, denn an euren Händen klebt Blut.

Wascht euch, reinigt euch von aller Bosheit! Lasst eure Gräueltaten, hört auf mit dem Unrecht! Lernt wieder, Gutes zu tun! Sorgt für Recht und Gerechtigkeit, tretet den Gewalttätern entgegen und verhelft den Waisen und Witwen zu ihrem Recht!«

So spricht der HERR: »Kommt, wir wollen miteinander verhandeln, wer von uns im Recht ist, ihr oder ich. Selbst wenn eure Sünden blutrot sind, sollt ihr doch schneeweiß werden. Sind sie so rot wie Purpur, will ich euch doch reinwaschen wie weiße Wolle. Wenn ihr mir von Herzen gehorcht, dann könnt ihr wieder die herrlichen Früchte eures Landes genießen.

Liebe Gemeinde!

1. Weil Propheten das Wort Gottes in eine bestimmte Zeit hinein sprechen, kommen Sie bitte mit mir zunächst in die Vergangenheit. Wir sind in der Zeit, so um 750 vor Christus, als Israel in einem eigenen Königreich lebte und Gott in Jerusalem einen Tempel auf dem Berg Zion erbaut hatte, der erste Tempel. In ihm findet ein geregelter Kultbetrieb statt, verehren die Juden Gott.

Gegen all das wendete sich Jesaja. Er prangert nicht einzelne Missstän­de an, nein, er stellt sich gegen das ganze System, stellt es als Gottes Willen dar, den Gottesdienst komplett abzuschaffen. Der Kult ist eine sinnlose Gabe, wie Jesaja sagt. Gott will ihn nicht nur nicht, er hasst ihn geradezu. Selbst über das Beten sagt er: „Streckt nur eure Hände zum Himmel, wenn ihr betet! Ich halte mir die Augen zu.“ In der Menge der religiösen Übungen ist der Kontakt mit dem lebendigen Gott offensichtlich verloren gegangen.

Stattdessen sollen die Israeliten endlich lernen, Gutes zu tun, den Unterdrückten helfen, sie haben es gehört.

Ist die eigentliche Botschaft Jesajas: Gutes tun statt opfern?

2. Liebe Gemeinde, dann könnte man mit Fug und Recht sagen: Die Botschaft ist angekommen, wir haben verstanden.

Denn wir Christen orientieren uns doch heutzutage geradezu an prophetischen Texten wie diesem, richten unser Christsein ganz auf ethische Fragen aus. Wir kümmern uns um die sozial Schwachen, um Obdachlose. Ja, wir haben soziale Sicherung seit 120 Jahren institutionalisiert, haben ein soziales Sicherungssystem mit Kranken-, Renten-, Arbeitslosen- und gesetzlicher Unfallversicherung. Auch mit guten Leistungen für Witwen und Waisen, die Jesaja angesprochen hat. Haben wir es als Kirche nicht sogar vor 25 Jahren unterstützt, den Buß- und Bettag als gesetzlichen Feiertag abzuschaffen, um stattdessen mit der Arbeit an diesem Tag die Pflegeversicherung mitzufinanzieren, Pflegebedürftigen zu helfen? Aus einem Tag des Gottesdienstes, des Kultes, einen Tag gemacht, an dem den Schwachen geholfen wird? In der Sache so, wie es Jesaja so vehement eingefordert hat?

Müssen wir nicht also heute über den Predigttext sagen: Das Thema geht uns so richtig gar nichts mehr an? Oder ruft uns Jesaja zu: Mehr geht immer?

3. Liebe Gemeinde, ich glaube, Jesaja geht es natürlich um die Witwen und Waisen. Aber dafür hätte er doch nicht so weit ausholen müssen und alles fundamental angreifen, geradezu existentiell werden. Ihm geht es, glaube ich, um viel mehr. Denn einmal sagt Gott, fast nur in einem Halbsatz, er finde das alles abstoßend, „weil ihr an euren Sünden festhaltet. Darum hasse ich alle diese Festversammlungen.“

„Weil ihr an euren Sünden festhaltet“.

Das ist der Schlüssel zum Verständnis. Denn Jesaja wettert in Wirklichkeit gegen die Selbstgewissheit, gegen die übersteigerte Selbsteinschätzung. Er prangert die Krankheit des Selbstbe­trugs an.

Dass damals die Israeliten opferten und dachten, das ist es, was Gott will, das war nämlich Selbstbetrug. Sie dachten: Wenn wir Ziegenböcke, Lämmer, sogar richtig teure Stiere opfern, an Neumonden, am Sabbat – dann haben wir Gott auf unserer Seite. Und das ist die Kernaussage: alles frommes Getue ist Selbst­betrug – wenn ihr an euren Sünden festhaltet.

Und so verstanden, ist der Text brandaktuell.

Denn damals wie heute: es ist die Ursünde des Menschen zu glauben, wenn er dieses oder jenes macht, hat er Gott auf seiner Seite.

Und diese Einstellung ist heute wirklich überall zu finden. Heute überhö­hen wir viele ethischen Dinge, machen sie zu grundsätzlichen Fragen. Wir sind die Guten, Gott ist auf unserer Seite. Energiewende z. b., es geht um die Rettung der Welt, Gott ist auf unserer Seite. Flüchtlings­schiff: Wir sind die Guten, Gott ist auf unserer Seite. Deutschland vor Horden von Immigranten retten: Wir sind die Guten, die Geschichte wird uns Recht geben. Letzteres als die säkulare Variante der absoluten Selbstgerechtigkeit, wie ich sie auch aus der DDR kenne: Die Geschichte ist auf unserer Seite, und wir sind die Sieger der Geschichte.

Was Jesaja wirklich sagen will, er warnt vor Selbstgerechtig­keit. Ihr ge­denkt Gottes Wille zu tun, aber ich als der Sendbote Gottes sagen: ihr liegt völlig falsch, es ist völlig anders. Und führt uns damit zugleich hin zu der anthropologischen Grund­konstante des Christentums, der Sünde des Menschen, dem Gefangen­sein des Menschen in der Sünde.

Denn „Sünde“ meint nicht oder nicht nur die einzelner Verfehlung, son­dern die grundsätzliche Trennung von Gott.

Am deutlichsten wird uns das, wenn wir uns bewusst machen, woher das Wort Sünde kommt. Im altgermanischen bezeichnete Sund eine Trennung, eine Landtrennung, wir sind auf der einen Seite und ein Meeresarm liegt zwischen unserem Land und dem Gegenüber. Und so meint Sünde: Gott ist für uns unverfüg­bar, er ist gerade nicht auf unserer Seite, er ist immer auf der anderen Seite, der Sund, die Sünde, trennt uns. Und die breite Meeresstraße ist dazwischen und mit unseren Alltagssünden hat das gar nichts zu tun.

4. Und damit will der Prophet uns und euch alle, liebe Gemeinde, heute zu einem Bewusstsein des Wir-können-falsch-liegen führen. Die Menge religiöse Übungen ist keine Garantie für einen wirklichen Kontakt mit Gott. Ein vermeint­lich gottgefälliges Verhalten aber eben auch nicht. Wenn wir an unseren Sünden festhalten.

Wir haben mit Gott ein Gegenüber, das uns in Frage stellt und uns immer wieder mit unserer Fehlbarkeit konfrontiert, ob im kultischen Handeln oder bei ethischen Dingen.

Ich finde es deshalb auch richtig, dass am Anfang des Grundge­setzes auf Gott Bezug genommen wird. Wie heißt es dort: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen … hat sich das Deutsche Volk dieses Grundgesetz gegeben“. Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott heißt, es gibt etwas, was über dem Staat und den Menschen steht. Es ist eine Formel der Demut: Es gibt eine Instanz außerhalb des Verfassungsgebers. Unsere Verfassung ist von Menschen gemacht, die sich infrage stellen lassen. Und weil ihnen dies so wichtig ist, so sagen sie es sofort und ausdrücklich am Anfang der Verfassung. Zu der Frage, ob dieses Gemeinwesen weltanschaulich neutral sein soll, wird damit übrigens überhaupt keine Aussage getroffen. Ja, so beginnt die Verfassung einer offenen Gesellschaft.

Leider gibt es Entwicklungen, die in eine andere Richtung gehen. Das Sich-in-Frage-stellen-lassen steht nicht besonders hoch im Kurs, im Gegenteil. Eigene Überzeugungen und Interessen, über die man diskutieren und zu denen man einen Ausgleich finden könnte, werden zu unverhan­del­baren Moralfragen aufgeblasen. Und hier gibt es nur Gut oder Böse und keinen Dialog. Viele Diskussionen werden heute in einem Ton geführt, der mir Angst macht, voller Wut und Geringschätzung, unduldsam bis hin zu Drohung und tätlicher Gewalt. Autobahnen- und Tagebaue werden besetzt, Turn­hallen angezündet, Menschen angegriffen, zuletzt etwa ein offen schwules Paar in Dresden mit einem Messer. Alles in derselben unnachgie­bigen, verbissenen Attitüde, mit der man früher gesagt hat: Gott ist auf unserer Seite.

Ich glaube deshalb, ja, wir Deutschen haben einen Tag des Innehaltens bitter nötig, einen Tag, an dem Umkehr bedacht wird. Und es ist ein Armutszeugnis, dass wir das inzwischen nicht als Kirche sagen, sondern es uns als Kirche sagen lassen müssen durch einen Politiker.

Wolfgang Schäuble hat im vergangenen Jahr, im November 2019, die Abschaffung des Buß- und Bettags als staatlichen Feiertags bedauert.

„Unsere zweifel­los christlich geprägte, aber von Ritualen entfremdete Gesellschaft lässt für Schuldeingeständnisse und Fehler wenig Raum. Sie gibt sich unversöhnlich, oft gnadenlos. Das sollten wir nicht zulassen! Der Wert eines Tages, an dem Umkehr gepredigt wird, lässt sich an einer volkswirt­schaftl­ichen Rechnung nicht abbilden. Wir müssen nicht alle fromme Christen sein. Aber ein Jom Kippur, ein Versöhnungstag, täte unserer fiebrig wütenden Gesellschaft gut.“ So Wolfgang Schäuble.

Und es zeigt den klugen Politiker, dass er den Tag Versöhnungstag nennt. Vielleicht sollten wir dem Buß- und Bettag wirklich einen neuen Namen geben, Buße – das Wort wird nicht mehr verstanden, wird nur mit Strafe in Beziehung gebracht. Vielleicht sollten wir ihn als „Wir können alle falsch liegen“- Tag nennen.

Aber, liebe Gemeinde, „Buße“ wie sie Jesaja meint, Buße als Einsicht in unsere Fehlbarkeit und unsere Trennung von Gott, führt direkt zu Umkehr zu Gott, ist der Beginn und die Rückkehr von innerer Freiheit und von Versöhnung. Mit dem heftigen Gewitter Jesajas wird die Luft gereinigt.

Denn am Ende verdammt er nicht, sondern kündigt Versöhnung an. „Selbst wenn eure Sünden blutrot sind, sollt ihr doch schneeweiß werden.“ … „Wenn ihr mir von Herzen gehorcht, dann könnt ihr wieder die herrlichen Früchte eures Landes genießen“. Die Buße führt zu Umkehr. Von Herzen gehorsam, das ist nach Jesaja Voraussetzung der Versöhnung. Gerade in dem Augenblick, an dem wir er­kennen, dass „der Sund“ uns von Gott trennt, in dem Augenblick sind wir „von Herzen gehorsam“ und bereit zur Versöhnung.

Und so wird Johannes der Täufer später auch zunächst lauthals predigen: tut Buße – weil die Menschen erst dadurch bereit sein werden, sich durch Christus versöhnen zu lassen.

Jesus setzt diese Verkündigung fort. Er beginnt seine Zeit in Galiläa und sagt „Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“ Bei ihm ist Buße verbunden mit dem Vertrauen auf das Evangelium, der Abkehr von Selbstsucht und Selbstrechtfertigung und der freudigen Hinwendung zu Gott. Die Bereitschaft zu der Erkenntnis, dass wir als Menschen auf Versöhnung angewiesen sind, die führt zur Hinwendung zu Gott und zur Änderung des Lebens

Und deshalb ist für mich Leitvers des Buß- und Bettags die Aufforderung: Kehrt um und lasst euch versöhnen mit Gott.

Liebe Gemeinde,

erinnern Sie sich an den Buß-Psalm 130, wie ich ihn heute in der Nach­dichtung von Hans-Dieter Hüsch gelesen habe? Das war doch so gar keine Strafpredigt. Beim ersten Hören sind Sie vielleicht darüber gestolpert, wenn es am Ende der ersten Strophe heißt: Wir beten und wir büßen – Gott will uns fröhlich machen, und dann am Ende der zweiten: Wir beten und wir büßen – Gott will uns leichter machen. Das ist Buße zu Ende gedacht.

Buße tun, um dieses so oft missverstandene Wort doch noch einmal zu gebrau­chen, Buße tun, das ist die Einsicht in unsere Fehlbarkeit. Diese Einsicht ist weiß Gott keine Strafe, sondern wendet uns Gott zu, wendet uns zum Mitmenschen und macht uns fröhlich und leicht. Bis wir am Ende wissen vom Mund bis zu den Zehen, wenn wir gen Himmel müssen: Gott will uns heiter sehen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Wir alle sind in Gottes Hand ein jeder Mensch in jedem Land
Wir kommen und wir gehen, wir singen und wir grüßen
Wir weinen und wir lachen

Wir beten und wir büßen Gott will uns fröhlich machen.

Wir alle haben unsre Zeit Gott hält die Sanduhr stets bereit

Wir blühen und verwelken vom Kopf bis zu den Füßen
Wir packen unsre Sachen
Wir beten und wir büßen Gott will uns leichter machen.

Wir alle bleiben Gottes Kind auch wenn wir schon erwachsen sind
Wir werden immer kleiner

Bis wir am Ende wissen vom Mund bis zu den Zehen
Wenn wir gen Himmel müssen: Gott will uns heiter sehen.