Predigt · 5. Sonntag nach Epiphanias · 6. Februar 2011 · Pfarrerin Renate Kersten

Posted by on Feb 17, 2011 in Predigten | No Comments

Jesaja 40, 12 – 25

Liebe Gemeinde,


„10 €, wenn Sie mir sagen, wo Gott ist!“ ruft der Schüler durch die
Klasse. „100 €, wenn Du mir sagen kannst, wo er nicht ist“, antwortet
die Religionslehrerin.
Soweit die Aktualisierung eines jüdischen Witzes – sie können ihn
gerne auch mit Goldstücken start Euro und Rabbi statt Lehrerin
erzählen. Zwei Weisen des Denkens und Empfindens prallen
aufeinander. Die eine: Gott muss man im Grunde mit der Lupe
suchen, und selbst dann wird man sich streiten, ob es wirklich Gott
war. Der Weltraum – leer. Kein Gott, nirgends. Die andere: Das
Universum platzt vor lauter Gott aus den Nähten. Wahrscheinlich ist
er wie der magnetische Kern der Erde, der alles zusammenhält.
Ohne Gott liefe hier nämlich gar nichts.
Die Anekdote handelt nicht umsonst von Lehrerin und Schüler oder
vom Rabbi und einem, der weise werden will. Auch in der
Gotteserkenntnis gibt es Naivität und Reife, Beginn und Wachsen. In
der Bibel finden sich Spuren verschiedener Stadien der
Gotteserkenntnis. Vieles findet sich in kleinen Geschichten,
überlagert von einem späteren weitern Gottesbild – aber Spuren sind
noch da. Im ersten Königsbuch beispielsweise der Verdacht, Israels
Gott sei ein Berggott (Kap. 20, 23) und habe deswegen im freien
Land keine Macht. Aus der Archäologie ist inzwischen bekannt, dass
es im Alten Israel auch Götterbilder1 gab, und auch, dass der Monotheismus nicht ganz am Anfang war. Begonnen hatte es auch in
Israel mit der Vorstellung von vielen menschenähnlichen Göttern.
Doch im Lauf der Zeit veränderten sich die Vorstellungen, das
Denken und Empfinden. Schließlich machten Menschen ihre
Erfahrungen mit Gott, erzählten davon, schrieben auf, was anderen
weiter helfen könnte.
Eine der wichtigen Fragen war die, ob jeder Ort und jedes Volk einen
Gott habe, quasi einen zuständigen Sachbearbeiter – oder ob es
noch eine Macht dahinter gebe. Für das kleine Israel, das unter
wechselnden Herren lebte und dessen Elite im 6. Jh. vor Christus
deportiert worden war, war das eine echte Frage. Wer den Ort
wechselt, wechselt einen menschlichen Machtbereich – und das ist
nicht ohne. Andere Könige oder Ministerpräsidenten, wer mit
schulpflichtigen Kindern das Bundesland wechselt, weiß, was ich
meine. Es gibt andere Mentalitäten, Sprachen – andere Götter? Israel
kam spätestens im Exil zu der Erkenntnis: Es gibt nur einen Gott. Die
Gefangenen hatten ihren Glauben mitgenommen – und sie machten
die Erfahrung: Unser Gott ist auch hier. Wenn wir beten, stellt sich die
gleiche Beziehung wieder ein.


Ich lese diese Erkenntnis von damals aus dem Jesajabuch:


„Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des
Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit
einer Waage? Wer bestimmt den Geist Gottes, und welcher Ratgeber
unterweist ihn? Wen fragt Gott um Rat, der ihm Einsicht gebe und
lehre ihn den Weg des Rechts und lehre ihn Erkenntnis und weise
ihm den Weg des Verstandes?
Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein
Sandkorn auf der Waage. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein.
Der Libanon wäre zu wenig zum Feuer und seine Tiere zu wenig zum
Brandopfer. Alle Völker sind vor ihm wie nichts und gelten ihm als
nichtig und eitel.
Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild
wollt ihr von ihm machen? Der Meister gießt ein Bild und der
Goldschmied vergoldet’s und macht silberne Ketten daran.
Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das
nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen,
das nicht wackelt.
Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist’s euch nicht von Anfang
an verkündigt? Habt ihr’s nicht gelernt von Anbeginn der Erde?
Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind wie
Heuschrecken; er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und
breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt;
er gibt die Fürsten preis, dass sie nichts sind, und die Richter auf
Erden macht er zunichte:
Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stamm
eine Wurzel in der Erde, da lässt er einen Wind unter sie wehen,
dass sie verdorren, und ein Wirbelsturm führt sie weg wie Spreu.
Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleich sei?, spricht
der Heilige.“

Gott ohne Grenzen. Ist das noch ein Thema? Götterbilder machen
wir uns nicht, jedenfalls nicht so – und, ehrlich gesagt, die Leute
konnten schon damals ganz gut zwischen dem Bild und dem, was es
darstellen sollte unterscheiden. Aber es verschwimmt auch immer
wieder. Und was haben wir an Bildern! Ikonenmalkurse sind sehr
gefragt, überall, wo sie angeboten werden. Das ist die Hochkultur.
Das Pendant finden Sie nebenan bei „Nanu-Nana“ oder im
christlichen Buchladen: Den Schutzengel fürs Schlüsselbund. Nicht,
dass mich hier jemand missversteht: Dagegen habe ich nichts. Das
mit der völligen Bildlosigkeit hat bei uns Menschen nie so richtig
geklappt. Und doch muss ich dem Propheten in seinem Spott Recht
geben. Wer meint, Gott sei begrenzt – der macht sich ein Gottchen
und wird sich anstrengen müssen, das kleine Kerlchen mit den paar
Eigenschaften für Festtage im Alltag wieder zu finden. Das wird mit
Recht zum Spott, nicht nur bei Atheisten, sondern wie hier auch beim
Propheten.
Auch wenn wir uns keine Götzenbildchen machen – so gibt es doch
Gottchenbilder. Den alten Mann mit Bart, den Wolfgang Borchert in
seinem Theaterstück „Draußen vor der Tür“ so hilflos gezeichnet hat,
zum Beispiel. Noch immer stellen sich die Kinder Gott in großer
Ähnlichkeit zum Weihnachtsmann vor – was kaum an den Kindern
liegen wird. Und was passiert Weihnachten bei uns? Gott oder
Regression, Kindheitssehnsucht, Erholung von der stressigen Welt –
im Dezember die heimelige Kerze, und im Januar wieder „1000 ganz
legale Steuertricks“? „100 € für den, der sagen kann, wo Gott nicht
ist.“, diesen Gedanken zu Ende denken, heißt doch: Gott ist im
Finanzamt ebenso wie in der Kirche. Schulen brauchen kein Kreuz und kein religiöses Symbol – jedenfalls ändert es nichts: Gott ist
sowieso da. Und ob wir ein Kreuz am Revers oder um den Hals
tragen, ändert auch nichts. Wenn Gott nicht im Finanzamt und im
Steuerbüro ist, wenn seine Gebote nicht überall gelten – dann
spotten andere zu Recht.


Gott gilt überall. Das war die große Erkenntnis des Propheten
damals. Damals stand dieser Gedanke gegen den Verlust staatlicher
Eigenständigkeit. Doch Gott ist grenzenlos, er ist DA. Gott ist
wesentlich dauerhafter als einzelne Völker, ihre Sprachen, ihre
Nationalsymbole. Diese Erkenntnis Israels ist alt, datiert lange vor
Christus. Es dauerte, bis sie sich fortsetzte.


Es wird bis ins 20. Jahrhundert dauern, bis die Erkenntnis sich weiter
verbreitet und dazu führt, dass Menschen aufgrund ihres Glaubens
staatliche Versöhnung suchen – weil Gott auf allen Seiten ist und die
Menschen aller Seiten ins Herz geschlossen hat. Erst nach dem
zweiten Weltkrieg beteten Christen in den verschiedenen Ländern
nicht mehr für den Sieg ihrer eigenen Waffen. Die Erkenntnis, dass
Gott ebenso auf der anderen Seite ist und die anderen ebenso lieb
hat, ist stärker geworden. Als universal können wir sie nicht
bezeichnen. Gerade jetzt wird wieder das Gespenst vom Kampf der
Religionen hervorgezaubert. Die gute Erkenntnis wächst manchmal
genau neben der destruktiven Angst in Menschen und Mentalitäten.


Wir wissen nicht, wohin unser Weg der Gotteserkenntnis führen wird.
Gibt es nur einen Gott? Nur „bei uns“? Kann man das denken und
empfinden – die Wahrheit eines einzigen, universalen Gottes und die
tiefe Weisheit und Wahrheit der eigenen Religion – ohne andere zu
diskriminieren und ohne ihnen Wahrheit, Weisheit und Tiefe
abzusprechen? Das ist eine der großen religiösen Fragen von heute,
eine Frage an unser Denken und Fühlen – und an die gelebte
nachbarschaftliche Praxis. Wird es gelingen, Gottes Liebe zu den
anderen zu erkennen, wird es gelingen, in einen produktiven Dialog
zu treten, bei dem es keine Sieger und keine Verlierer geben kann?
Erste gute Erfahrungen lassen hoffen.


Der universale Gott – das ist die große Perspektive. Gott ist über und
hinter – und in allem. Mitten darin ist unser kleines Leben. Es gibt
Zeiten, in denen wir wie der Schüler 10 € dafür gäben, Gott
überhaupt zu entdecken. Zeiten und Räume, in denen das Herz eng
wird und in denen wir Gott nicht grenzenlos spüren – sondern gar
nicht. Zeiten, in denen wir Kleinigkeiten kleinlich ernst nehmen und
uns verkämpfen – für nichts. Auch und gerade in der Kirche.


Wohl uns, wenn uns in der Zeit unserer Sehnsucht und Gottleere
niemand verführt. Wohl uns, wenn kein Verführer als vermeintlich
Weiser in solch einer Zeit um die Ecke biegt und sagt: Gib nur dein
Kleingeld, deinen Kleinglauben, ich zeige dir den einzigen Ort, an
dem Gott wohnt! Wohl uns, wenn wir uns nicht dazu hergeben, unser
Denken von Gott unseren kleinen Herzen anzupassen und uns
hinterher das Gottchen zerbröselt. Lassen Sie uns daran festhalten:
Die antwort lautet nicht: Hier, und nur hier ist er! Sondern: Es gibt
keinen Ort, an dem er nicht ist.
Ganz am Anfang der Bibel ist von einem legitimen Gottesbild die
Rede. Gott schuf den Menschen zu seinem Bild, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und er schuf sie als Mann und als Frau. Es mag sein,
dass viele Situationen erst verzweifelt werden, wenn wir genau das
nicht leben oder erkennen können, und dass dann die große Suche
nach Tiefe und Weite und Echtheit beginnt, wenn wir uns
voneinander abwenden.


Ich halte fest: Gott ist in allem draußen, bis ans Ende des
Universums. Er ist in jedem innen. In der Erde, in unseren religiösen
und profanen Gebäuden, in Ländern und Völkern und Herzen.
Nebeneinander wächst auf, was ihm gefällt, und was bleibenden
Wert hat, bis in Ewigkeit – und das andere, was abfallen wird und
vergehen – Schuld und Leid, Zweifel und unlösbar scheinende
Fragen und alles, was das Erkennen Gottes behindert.
Am Anfang und am Ende zählt Gott allein – und richtet Gott allein.
Unvergleichlich, in Bildern nicht zu fassen. Gott gehört unser Vertrauen – und unser Leben. Amen

1 Silvia Schroer: In Israel gb es Bilder. Nachrichten von
darstellender Kunst im Alten Testament, Freiburg (CH)/Göttingen 1987; Othmar Keel und Christoph Uehlinger: Göttinnen, Götter
und Gottessymbole. Neue Erkenntnisse zur Religionsgeschichte

Kanaans und Israels aufgrund bisher unerschlossener
ikonographischer Quellen, Freiburg i.Br. 2001.