Predigt · 3. Sonntag nach Epiphanias · 26. Januar 2014 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Jan 30, 2014 in Predigten | No Comments

Apostelgeschichte 10, 21 – 35

„wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht parteilich ist.
Vielmehr sind Gott in jedem Volk recht, die Gott achten und
rechtschaffen handeln.“


Liebe Schwestern und Brüder, so übersetzt es ist die Bibel in
gerechter Sprache.


Gott ist nicht parteilich – das ist die überwältigende Erkenntnis,
die Petrus in Cäsarea mit dem römischen Hauptmann gemacht hat.


Von dem Militärangehörigen der römischen Besatzungsmacht
Kornelius wird erzählt, dass er fromm und gottesfürchtig mit seinem
ganzen Haus war
und dem jüdischen Volk viele Wohltaten erwies
und immer nur zu dem jüdischen Gott betete.


Das allein finde ich schon so aufregend und eine Predigt wert.


Da ist ein ranghoher Offizier in Cäsarea stationiert,
einer ziemlich großen Stadt in der Provinz Judäa.


Die Stadt Cäsarea – wurde zu Ehren von Kaiser Augustus von
Herodes dem Großen so benannt (Kaisarea lässt das Wort Kaiser
noch hören),
in ihr wohnen ca. 50 000 Einwohner verschiedener Kulturen, unter
römischer Herrschaft.


Die Stadt bietet den zweitgrößten Hafen im Mittelmeerraum und
zahlreiche Kultureinrichtungen (Rennbahn, Theater, Bäder etc.)


Es lässt sich also gut wohnen in dieser Stadt
und die römischen Soldaten wissen sicher auch sehr gut, sich dort zu
vergnügen.


Da blühen die Geschäfte der Prostitution, des Handels und des
Schmuggels, der Korruption und des Waffenhandels –


die jüdische Bevölkerung stöhnt unter der Last und der Knechtschaft
der Besatzung.


Und inmitten dieses weltlichen und allzu menschlichen Getümmels
fällt auf ein mal der Blick auf einen Römer, der so ganz anders ist,
als man es von ihm erwartet.


Der Hauptmann Kornelius – er wendet sich der jüdischen
Bevölkerung zu, unterstützt sie wo er kann, sieht ihr Elend,
aber nicht nur das – er findet Interesse an ihrer Religion und an ihrer
Kultur.
und jetzt kommt das überraschende: er betet den jüdischen Gott an.
Wörtlich heißt es: er betete immer nur zu Gott.


Das heißt: er hat die Religion des unterdrückten Volkes übernommen.


Liebe Schwestern und Brüder,
wenn ich das in die heutige Realität umsetzte, dann ist das etwa so,
wie wenn ein amerikanischer General während der Besatzung im Irak
sich der Kultur und der Religion der Moslems zuwendet,
von ihr fasziniert ist
und zu einem gläubigen Moslem wird.


Der wird zweifelsohne ein Sicherheitsrisiko für die amerikanische
Besatzungsmacht.


Kommen wir zurück zu unserer Geschichte.


Kornelius ist fasziniert von der jüdischen Religion und dem jüdischen Gott und will noch mehr über all das wissen.


Und da erscheint ihm im Traum ein Engel, ein Bote Gottes,
der trägt ihm auf, Petrus zu rufen, der sich gerade in Joppe aufhält.


Gesagt getan, der Diener macht sich nach Joppe auf und sucht Petrus.


Und Petrus hat eben in diesem Moment auch einen sehr
merkwürdigen Traum: Er sah den Himmel geöffnet und ein
Leinentuch kommt herab, in dem alle Vierfüßler und Kriechtiere und
Vögel enthalten waren und eine Stimme sprach: Auf Petrus, schlachte
und iss“
Petrus aber entgegnet mit Entsetzen: O nein Herr, ich habe nie etwas
unreines und abscheuliches gegessen.
Und wieder hört er die Stimme: Was Gott für rein erklärt hat, das
erkläre du nicht für abscheulich.“
Und das geschieht drei mal hintereinander.


Und wie Petrus noch darüber nachdenkt, was das wohl zu bedeuten
hat, da klopft es und die Männer stehen vor der Tür mit der Bitte
nach Cäsarea zu kommen zum römischen Hauptmann.


Petrus gehorcht der Stimme, die ihm sagt, dass er das jetzt tun muss,
obwohl er doch als frommer Jude keinen Kontakt mit einem Heiden
haben darf, weil er sich dadurch verunreinigt.


Petrus kommt in das Haus des Cornelius und wir hörten, was da
geschah.


Das ganze Haus des Cornelius war da versammelt und das heißt: die
Frau, die Kinder, die Knechte und Mägde und seine Verwandten und
engsten Freunde, die auch begierig waren, etwas über Gott zu hören.


Petrus tritt ein in das Haus und überschreitet so mutig eine Grenze,
die ihm durch seine Kultur, seine Religion und seine Tradition gesetzt
ist
und er erfährt dadurch ein überwältigendes Erlebnis.


Der Fremde, der gehasste Soldat einer Besatzungsmacht,
der in den Augen der Frommen gottlose und kulturlose Heide –
dieser hochmütige und arrogante Römer
wird zum Freund und Bruder.


Möglich wird diese Versöhnung, weil beide –
der römische Hauptmann und der jüdische Apostel –
die ihnen gesetzten Grenzen mutig überschritten haben.


Liebe Schwestern und Brüder, die Geschichte endet mit noch einer
großen Überraschung.


Nachdem Petrus von dem Leben, dem Tod und der Auferstehung Jesu
aus Nazaret in Galiläa erzählt hat
und davon, dass Gott durch ihn denen alle Sünden vergibt, die auf ihn
vertrauen,
werden alle Anwesenden vom Heiligen Geist erfüllt
und er kommt zu der Erkenntnis: Darf denn jemand das Wasser der
Taufe denen verwehren, die genauso wie wir den Heiligen Geist
empfangen haben?“


Und es kommt zur Taufe mit allen, die sich im Hause des Cornelius
versammelt hatten.


Liebe Schwestern und Brüder, hier kommt nicht durch die Taufe der
Heilige Geist zu den Menschen,
wie es in unserer Kirchenlehre gelehrt wird, sondern hier hat der Heilige Geist schon vor der Taufe und unabhängig von ihr die Menschen ergriffen.


Und die Taufe ist nicht als ein Symbol der Abgrenzung und
Ausgrenzung zu anderen Nichtgetauften verstanden,
sondern als eine Bekräftigung und Bestätigung
des als wahr und richtig erkannten Weges.


Liebe Schwestern und Brüder, unsere Geschichte ist eine Geschichte
der ständigen und mutigen Grenzüberschreitungen.


Zuerst befreit sich der römische Hauptmann von seiner Weltsicht,
die ihm schon mit der Muttermilch mit gegeben wurde,
dass ein Römer mit seiner Kultur, seiner Geschichte, seiner Tradition
und seiner militärischen Macht
selbstverständlich in der Hierarchie der Völker an oberster Stelle
steht.
Er erkennt in dem besetzten Volk eine Religion und eine Kultur,
die ihn fasziniert und der er sich anschließen möchte.


Und auf der anderen Seite befreit sich der Apostel Petrus von seiner
Weltsicht, dass nur das auserwählte Volk –
also die gläubigen Menschen –
vor Gott als rein und wohlgefällig stehen können
und alle anderen ungläubigen Menschen von Gott verstoßen würden.


In das Hier und Heute übersetzt heißt das:
Niemand kann durch seine Herkunft, seine Religion, seine Kultur
oder seine Tradition sich einen besonderen Platz bei Gott erwerben.
Niemand kann durch besonders frommes Reden oder durch strenge
moralische Vorschriften sich Punkte bei Gott holen.
Auch durch besondere Essgewohnheiten, ob man nun Vegetarier oder
Veganer ist und den Fleischgenuß gänzlich verachtet – Gott hat alles
geschaffen und er hat alles geheiligt.
Wenn ich allerdings aus Liebe und Rücksicht auf die geschundenen
Tiere in Massenhaltungen
auf Fleisch verzichte, dann ist das etwas anderes,
aber daraus eine Ideologie zu machen und Grenzen zu setzten
zwischen gut und böse steht uns nicht an.


Einzig und allein die Liebe zählt, wie wir fähig sind in dieser Liebe
unser Leben zu gestalten
und wie wir dem Heiligen Geist Raum bei uns geben.


Und am Ende ist es die Demut, die zählt,
die Demut, die sich vor dem anderen verneigt,
ihn als ein Ebenbild Gottes erkennt,
die Vorurteile abbaut und Mauern und Grenzen überschreitet.


Wenn Jesus uns in seine Nachfolge ruft, dann heißt das,
dass auch wir, wie der Apostel Petrus –
mutig Grenzen überschreiten sollen
und uns mit allen, die der Heilige Geist treibt, verbünden dürfen
und uns gemeinsam auf die Suche nach Gott und seinem Reich
machen.


Amen.