Predigt · 21. Sonntag nach Trinitatits · 16. Oktober 2016 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

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Epheser 6, 10 – 17

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse
mit Gutem –
liebe Schwestern und Brüder, mit diesem Spruch wurden wir heute
am Anfang des Gottesdienstes begrüßt.


Dieser Geist durchzieht alle Texte, die wir hörten.


In der Evangeliumslesung war von der Feindesliebe die Rede und in
der Epistellesung aus dem Epheserbrief hörten wir von der geistigen
Waffenrüstung, die das Böse überwinden soll.


Beim ersten Hinhören scheint dieser Text ganz schön militant und
gewaltvoll –
beim genaueren Lesen ist er überraschend paradox.


Der Epheserbrief ist für die meisten Bibelforscher nicht ein Brief, der
aus der Feder des Apostel Paulus kommt.


Wahrscheinlich ist er gegen Ende des 1. Jahrhunderts entstanden,
in dem schon mehrere christliche Gemeinden existierten,
die unter der römischen Gewaltherrschaft zu leiden hatten und
Diskriminierung, Verfolgung und Unterdrückung erfuhren.


Die Frage, wie man sich gegenüber Gewalt- und Unrechtsstrukturen
verhält, bewegte damals viele Christen und Christinnen.


Darf man gegen einen diktatorischen Unrechtsstaat sich auflehnen
und notfalls auch auf Gewalt mit Gewalt antworten?
Zahn um Zahn, Auge um Auge – wie es im Gesetz steht und wie es
die Realität vorgibt?


Heftig gestritten, so stelle ich mir vor, wurde auch damals schon
innerhalb der christlichen Gemeinden um diese komplizierte
Problematik.


Der Verfasser des Briefes an die Gemeinde in Ephesus aber nimmt
eine klare Stellung ein.


Das Leben in dieser Welt und insbesondere in solch einer von Gewalt
und Krieg beherrschten Gesellschaft
ist kein Zuckerschlecken – es ist ein Kampf –


ein Kampf nicht nur nach außen gegen Angriffe auf den Körper und
das Leben –
es ist auch ein Kampf nach innen gegen das Prinzip des Bösen,
gegen den Trieb, Gleiches mit Gleichem vergelten zu wollen,


Niedertracht und Hass mit ebensolchem Hass begegnen und
Gewalt mit Gewalt überwinden zu wollen.
Es ist ein Kampf gegen die Logik dieser Welt,
die sich in einem jeden breitmachen will und
die die Gewaltspirale immer mehr beschleunigt
und am Ende alles in Schutt und Asche zerlegt.


Es ist ein Kampf nicht gegen Fleisch und Blut,
nicht Mann gegen Mann,
ein Kampf nicht gegen die Achse des Guten gegen die Achse des
Bösen,
sondern ein Kampf gegen das böse Prinzip,
gegen die Mächte der Finsternis, die auch mich immer wieder
überwältigen und beherrschen wollen.


Der Verfasser des Briefes kennt die Bergpredigt Jesu,
die von der Feindesliebe redet und von dem Hinhalten der linken
Backe, wenn jemand auf die rechte schlägt, er kennt die Logik des Gottesreiches, die nachhaltigen Frieden und
Gerechtigkeit schaffen will
inmitten dieser gewaltvollen Welt.


Und dieses gelingt nur, wenn man sich von der Logik der Welt
verabschiedet und sich der Logik Gottes anvertraut,
die die Überwindung des Bösen durch das Gute verspricht.


Und er übernimmt das Bild des römischen Kriegers –
deutet es aber in sein Gegenteil.


Ergreift die Waffenrüstung Gottes und steht fest
umgürtet an euren Lenden mit der Wahrheit.
Wenn ein Land beabsichtigt gegen ein anderes in den Krieg zu
ziehen, dann wird als erstes die Wahrheit geopfert.
Wie oft wurden in der Geschichte Lügen konstruiert, um Gründe für
einen Angriff zu haben.
Das geschieht bis auf den heutigen Tag. Der Feldzug gegen den Irak
ist das jüngste Beispiel.


Legt den Gürtel der Wahrheit um, lasst euch nicht durch billige
Propaganda verführen und verdummen.
Die Wahrheit zu finden ist sehr viel mühsamer und schwieriger, als
auf Stammtischparolen hereinzufallen.


Legt den Panzer der Gerechtigkeit an –
ein Panzer schützt vor giftigen Pfeilen, die einem den Verstand trüben
und das Herz verhärten.


Gebt der Gerechtigkeit ihren notwendigen Raum –
eine Gerechtigkeit, die nicht nach dem eigenen Vorteil sucht,
sondern das Heil und das Wohl aller Menschen sucht,
eine Gerechtigkeit, die den Notleidenden zu ihrem Recht verhilft.


Zieht an die Stiefel, mit denen ihr bereit seid einzutreten für die frohe
Botschaft des Friedens.


Legt euch festes Schuhwerk an, damit eure Füße nicht gleich
ermüden oder Blasen bekommen und redet – schweigt nicht, wenn
das Böse um sich greift.
Redet von dem Frieden, den Gott dieser Welt geben will,
den er allen Menschen geben will, weil er das Leben und nicht den
Tod für den Menschen will.


Doch vor allem ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr
auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen.


Habt Vertrauen in Gott – habt Vertrauen in seine Kraft und in seine
Stärke, die sich in der Liebe zu den Menschen zeigt
und die er in seinem Sohn Jesus gezeigt hat.


Auch wenn es so scheint, als wären die bösen Kräfte stärker,
wenn Hass und Gewalt die Erde überzieht –
werft euer Vertrauen in Gott nicht fort – es wäre das Ende für euch
und für die Welt.


Setzt den Helm des Heils auf euren Kopf wie eine Krone,
die in die Finsternis leuchtet und die euch schützt vor allen Schlägen.


Und nehmt das Schwert des Geistes, welches das Wort Gottes ist.


Ja, ihr werdet es erleben, dass das Wort Gottes von der Liebe,
von der Wahrheit und von der Gerechtigkeit
eine Kraft hat, die die weltlichen Herrscher erschüttern lässt.


Fürchten werden sie dieses Wort, zum Schweigen werden sie euch bringen wollen, beseitigen und einsperren werden sie euch.


Denn das Wort Gottes ist schärfer als ein zweischneidiges Schwert,
es trennt und deckt auf
und es hat eine verändernde, eine heilende Kraft.
Und am Ende seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke.


Nein – ihr müsst nicht stark sein,
ihr müsst nicht erfolgreich sein und immer Leistungen bringen,
ihr müsst nicht eine Maske des Lächelns oder der Härte tragen –


ihr dürft ängstlich und schwach,
zweifelnd und manchmal auch resigniert sein,
ihr dürft auch mal die Hoffnung verlieren und keinen Ausweg mehr
sehen,
ihr dürft weinen und Schmerz empfinden über das Elend in dieser
Welt,


aber ihr dürft bei alledem eure Hoffnung setzten
auf den Höchsten und Stärksten, den Liebevollsten und Weisesten,
den Barmherzigsten und Gerechtesten –
den Schöpfer und Erhalter unserer kleinen Erde und des ganzen
Universums.
Durch Gott werdet ihr stark sein.


Das Licht seiner Wahrheit und seiner Liebe wird uns stärken und
kräftigen heute und morgen und in alle Ewigkeit.
Amen.