Predigt · Sexagesimae · 19. Februar 2017 · Pfarrerin Ruth Missselwitz

Posted by on Feb 25, 2017 in Predigten | No Comments

Markus 4, 26 -29

Liebe Schwestern und Brüder,
wenn Jesus über das Reich Gottes spricht, dann erzählt er immer
Geschichten aus dem Alltag der Menschen, die ihn umgeben.


Meistens aus der Landwirtschaft,
manchmal aber auch aus dem Alltag der Frauen – wie das Gleichnis
mit der Hefe und dem Teig –
oder aus dem Alltag der Fischerei – wie die Geschichte vom
Fischfang.


Immer aber sind es Geschichten, die ganz normal und natürlich
irgendwann anfangen
und dann entwickelt sich etwas Überraschendes und Wunderbares.


Ich habe lange gebraucht um zu begreifen,
dass Jesus das Reich Gottes nicht als einen himmlischen Zustand
beschreibt,
den man erst erreicht, wenn man gestorben ist
und in den Himmel kommt,


nein – er beschreibt das Reich Gottes immer als eine Entwicklung,
die hier neben uns und mit uns im unmittelbaren Alltag
unauffällig und klein beginnt
und dann wächst
und zwar so wächst, dass wir es mit all unseren Sinnen sehen und
hören und fühlen können.


So ist es mit dem kleinen Senfkorn, das das kleinste unter den
Samenkörnern ist und zum großen Baum heranwächst,
in dem die Vögel des Himmels sich tummeln und ihre Nester haben.
So ist es mit dem Teig, den eine Frau knetet und ein paar Krümel
Hefe hinein tut
und die Hefe durch säuert den ganzen Teig,
er wird größer und größer,
bis am Ende ein prächtiges Brot daraus wird.


So ist es auch mit unserem Gleichnis, in dem ein Bauer seinen Samen
auf das Feld streut –


dann aber kommt etwas überraschendes – er schläft.


Er schläft – steht auf –
schläft wieder weiter, steht wieder auf – Tag und Nacht vergeht –


und dann eines Tages sieht er, wie ein kleiner grüner Halm sich durch
den Boden hindurch stößt –
er weiß nicht wie, aber es geschieht.


Und er schaut erstaunt dem Wunder zu, das sich vor seinen Augen
abspielt:
der Halm wird immer größer,
dann formt sich die Ähre,
in der Ähre reifen die Körner und dann weiß er:
Jetzt ist die Zeit der Ernte, jetzt kann er die Sichel holen.


Ist das nicht eine wunderbare Geschichte?


Die Geschichte ist auch bekannt unter dem Namen:
Das Gleichnis von der selbst wachsenden Saat.


Ganz von selbst, ohne dass der Bauer weiß wie, geht die Saat auf und bringt gute Frucht.

Das ist doch wirklich eine schöne Geschichte.

Völlig entspannt, ohne jeglichen Druck oder Sorge überlässt der
Bauer das Wachsen seines Samens der Natur.


Seine Arbeit hat er getan – das Feld zubereitet für die Saat,
es gepflügt, geeggt und gedüngt, einen guten Samen ausgesucht,
eine stabile Hecke gegen wilde Tiere gepflanzt,
vielleicht noch ein paar Vogelscheuchen hingestellt,


doch dann gab es für ihn nichts mehr zu tun.


Nun brauchte er nur noch ein gutes und volles Maas an Gottvertrauen
und eine gehörige Portion Schlaf.


Liebe Schwestern und Brüder, das klingt wunderschön –
aber nicht auch ein bisschen naiv?


Weiß denn Jesus und seine Zuhörerinnen nicht genug von
Missernten, Dürre oder Überschwemmungen, Ungezieferbefall und
anderen Verwüstungen?


Sicher weiß er das,
aber diese Geschichte soll einmal dazu dienen, die Angst und die
Sorge vor dem Leben zu nehmen
und stattdessen zum Gottvertrauen zu ermutigen,
zur Gelassenheit und zur Ruhe.


Ich kann jedenfalls von mir sagen, dass ich über diese Tugenden viel
zu wenig verfüge.


Und ich weiß, dass das vielen um mich herum auch so geht.


Da gibt es schlaflose Nächte um die Kinder oder Enkelkinder,


da mache ich mir Sorgen, wie das denn ohne mich in dieser
Gemeinde weiter gehen soll,


da raufe ich mir die Haare, wenn ich den derzeitigen Zustand der
Welt sehe,


da überkommt mich Angst und Schrecken, wenn ich von erhöhten
Rüstungsausgaben und wachsenden internationalen Spannungen
höre,


da greife ich mir an den Kopf, wenn der Regenwald weiterhin
abgeholzt, der Kohleabbau weiterhin gefördert
und die Erderwärmung immer noch geleugnet wird.


Da kann ich doch vor lauter Sorge um die Welt und meine Lieben
kein Auge zumachen,
geschweige denn Schlaf finden, wie dieser Bauer in unserer
Geschichte.


Liebe Schwestern und Brüder,
nun aber mal ganz im Ernst: könnte ich denn mit meinen Sorgen und
Ängsten mein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern?


Nein – deshalb erzählt uns Jesus diese kleine Geschichte.


Sie darf aber auch nicht falsch verstanden werden.
Sie ruft nicht zur Schicksalsergebenheit oder zur Resignation auf –


nein – der Bauer tut alles, was in seinen Kräften und in seiner Macht steht.
Er sät den Samen
mit allem, was in diesem Zusammenhang zu tun ist –
doch dann überlässt er das Wachsen und Gedeihen Gott.

So soll es auch mit uns sein.


Wir haben in den Texten, die wir vorhin aus dem 1. und dem 2.
Testament gehört haben, von dem Wort Gottes gehört,
das wie der Samen auf das Land gestreut wird und dann seine Frucht
bringt.


Gott selbst ist es, der sein Wort von der Rettung der Welt
durch uns Menschen ausbreitet.


Wir haben uns in diesen Dienst zu stellen und dafür zu sorgen,
dass das Wort Gottes nicht in Vergessenheit gerät, verfälscht oder gar
missbraucht wird.


Wir haben die Botschaft Jesu über die Barmherzigkeit, die
Gewaltlosigkeit, die Feindesliebe und die Gerechtigkeit
zu verkündigen und weiter zu tragen
auch oder gerade wenn sie keiner hören will.


Und diesen Dienst haben wir im kleinen wie im großen zu leisten –
in unseren Familien, im Freundeskreis, mit unseren Arbeitskollegen
oder am Stammtisch.


Ob der Samen am Ende Früchte trägt, haben wir nicht mehr in der
Hand,
aber wir müssen diesen Samen immer und immer wieder ausstreuen.


Und bei alledem dürfen wir dann auch die Ruhe und Gelassenheit in
uns einziehen lassen,
die Gott unendlich viel mehr zutraut als wir uns das jemals vorstellen
können.


Dann dürfen wir auch mal die Sorge um unsere Lieben
und um diese geliebte Welt
aus unseren Händen geben und sie in die Hände Gottes legen –
da sind sie auf jeden Fall am besten aufgehoben.


Schauen wir dann aber mal über unsere Sorgen hinweg,
dann werden wir voller Staunen die vielen kleinen grünen Halme
entdecken, die um uns herum aus dem Erdboden sprossen.


Dann sehen wir die vielen Menschen, die sich zusammen tun
und ihre Stimme erheben gegen frauenfeindliche und
menschenverachtende Parolen und politische Machenschaften,


dann sehen wir die Menschen, die auf die Straße gehen und einen
gerechten Lohn verlangen, eine gerechte Weltwirtschaft und eine
gerechte Verteilung der Güter dieser Erde.


Dann sehen wir vielleicht auch voller Freude, dass sich die Sorge um
die Kinder oder Enkelkinder nicht bestätigt hat,
der Schulabschluss geschafft und die Krise überwunden ist.


Liebe Schwestern und Brüder,
die Freude am Wort Gottes und das Vertrauen in Gott sind wohl die
wertvollsten Güter, die wir geschenkt bekommen können.


Möge Gott uns beides reichlich schenken – das wünsche ich Ihnen und auch mir. Amen