Predigt · 14. Sonntag nach Trinitatis · 25. September 2011 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Sep 30, 2011 in Predigten | No Comments

Römer 8, 38, 39

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Tauffamilie,
der Text, den wir gerade hörten, wurde von der Mutter des Täuflings,
Susanne Kirchbaum als Taufspruch für den kleinen Salomo
ausgesucht, er kommt musikalisch in diesem Gottesdienst auch immer
wieder vor,
und es war ihr Wunsch, dass er auch der heutigen Predigt zugrunde
gelegt wird.
Ich habe diesem Wunsch sehr gerne entsprochen,
weil diese Worte auch zu meinen Lieblingsworten gehören.


Paulus schreibt diese in seinem Brief an die Gemeinde in Rom,
die er gerne besuchen möchte, die er aber noch gar nicht kennt.


In diesem Brief versucht er alles, was er in den Jahren seines Dienstes
als Missionar Jesu Christi über Gott und Jesus begriffen und erlebt
hat, hineinzupacken.


Er ist sozusagen das theologische Testament, das er seiner Nachwelt
hinterlassen hat.


Der Römerbrief war immer wieder Theologinnen und Theologen eine
wichtige und entscheidende Orientierung in ihrem Suchen nach Gott
und seinem Handeln in der Welt.


Der Reformator Martin Luther hat aus ihm die befreiende Erkenntnis
gewonnen,
dass wir nicht aus guten Werken vor Gott gerecht werden können,
sondern allein aus Glauben –
aus dem Glauben an die Liebe Gottes,
die uns in dem Menschen Jesus begegnet ist
und die uns vorgelebt hat, das wir alle Töchter und Söhne Gottes sind,
denen Gott in grenzenloser Liebe verfallen ist.


Eine Liebe, die sich bedingungslos hingibt,
die sich den Menschen ausliefert in Ohnmacht und Gewaltlosigkeit,
die sich durch nichts aufhalten lässt.


Nichts – sagt Paulus hier – kann uns trennen von der Liebe Gottes.
Weder der Tod noch das Leben.


Paulus eröffnet sein Bekenntnis gleich mit dem schmerzlichsten und
ärgsten, was uns Menschen treffen kann – dem Tod.


Wer schon einmal einen lieben Menschen verloren hat, der weiß, was
das bedeutet.
Die Täuflingseltern haben auch schon ein Kind verloren – Theodor –
er wurde nur fünf Tage alt.
Danach besteht eine große Finsternis und man glaubt, das Leben geht
nicht mehr weiter.


Der Glaube, dass die Liebe Gottes aber durch den Tod hindurch geht,
dass auch der Tod die Verbindung zu Gott nicht durchtrennen kann,
dass diese Liebe uns wieder mit Gott vereint,
dieser Glaube hilft, über den Schmerz der Trennung
hinwegzukommen
und sich wieder dem Leben öffnen zu können.


Aber auch das Leben kann uns nicht von dieser Liebe trennen.
Ja, manchmal geraten wir im Leben in so dunkle Situationen, dass wir
glauben, Gott hat uns verlassen.


Aber für einen gläubigen Menschen gibt es keine Gottverlassenheit.

Der Name, den Gott selber seinem Knecht Mose in der Wüste
offenbart hat,
heißt übersetzt: Ich bin da – ich bin mit dir.


Für einen gläubigen Menschen gibt es keine gottverlassen Orte,
auch in seiner Todesangst am Kreuz hat Gott seinen Sohn nicht
verlassen, auch wenn er sich verlassen fühlte.


„Weder Engel noch Mächte noch Gewalten – können uns von der
Liebe Gottes trennen.“


Ja, auch himmlische Mächte haben nicht die Kraft,
uns von dieser Liebe zu trennen.
Seien es nun Sternenkonstellationen, böse Dämonen oder gefährliche
Geister.


Auch die weltlichen Mächte und Gewalten – auch wenn sie sich noch
so bedrohlich und angsteinflößend gebärden,
können uns nicht von dieser Liebe trennen.


Ja, auch die Zeit, weder die gegenwärtige noch die zukünftige,
verbunden mit all unseren Ängsten und Hoffnungen,
kann die Liebe Gottes aus dieser Welt verdrängen.


Nichts, – nichts Hohes – nichts Tiefes –
auch nicht irgendeine Kreatur, die nur schemenhaft uns in unseren
nächtlichen Träumen verfolgt –
nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes.


Und Paulus schließt mit dem Satz: Die in Christus Jesus ist.


Für Paulus hat sich diese Liebe in Jesus Christus gezeigt.


Durch ihn hat Gott der Welt gezeigt, wie er die Menschen liebt.


Das heißt aber nicht, dass Gott seine Liebe nicht auch in anderen
Zeiten und Menschen und Religionen gezeigt hat.
Der Geist Gottes weht, wo er will, er lässt sich durch uns nicht
begrenzen.


Vorhin hörten wir in der Epistellesung den Satz auch aus dem
Römerbrief: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“


Wir Menschen können diese Liebe schwer begreifen, noch viel
weniger leben.


Wir schlagen sie an Kreuz, verhöhnen und verspotten sie mit unserem
Hochmut,
spalten sie auf in Religionen, Konfessionen, Kulturen und soziale
Schichten,


Ja auch in unseren christlichen Kirchen ist manchmal wenig von
dieser Liebe zu spüren.


Umso wichtiger ist es, solche Texte wie diese immer und immer
wieder in Erinnerung zu bringen,
sie sind ja deshalb nicht weniger wahr, nur weil wir Menschen so
schwach im Glauben sind und so unfähig sich dieser Wahrheit
anzuvertrauen.


Liebe Schwestern und Brüder, nach dem Gottesdienst laden wir ein zu
einem kleinen Empfang.
Herr Dr. Kleinau ist 75 Jahre alt geworden und ich bin seit 30 Jahren
hier in der Kirche als Pfarrerin tätig. Als ich 1981 hier anfing, war Herr Kleinau schon seit 5 Jahren Mitglied im GKR.
Wir haben all die Jahre gemeinsam in dieser Gemeinde gearbeitet.


Wir haben die wilden und anstrengen 80ziger Jahre gemeinsam erlebt
mit der Aufbruchbewegung für Demokratie und Freiheit in der DDR,


wir haben die Wende erlebt mit den daraus folgenden dramatischen
Veränderungen im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben.


Wir haben die Struktur unserer Gemeinde nach der Wende ganz neu
gestalten müssen
und haben nun eine wunderschöne Kirche und ein offenes und
einladendes Gemeindehaus.


Wir haben mit dem gesamten GKR und vielen Mitgliedern aus der
Gemeinde wieder eine lebendige junge Gemeinde gestalten können,
in der viel geistliches und gemeinschaftliches Leben geschieht,
in der Junge und Alte ihren Platz haben und die ständig und stetig
wächst.


Bei allen Höhen und Tiefen, bei allen Schwächen, großen und kleinen
Versäumnissen,
Vernachlässigungen bestimmter Themen und Menschen,
darf ich dennoch sagen, dass wir von dieser Liebe getragen wurden.


Ein Satz, der auch von Paulus kommt und der mir während der vielen
Jahre immer wieder Kraft gegeben hat, ist:
„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den
Schwachen mächtig“ (2. Kor. 12,9)


Möge Gott uns seinen Segen geben jetzt und in Zukunft,
Möge er uns in unserer Schwachheit beistehen,
möge er uns ein weites Herz, eine klaren Verstand und stets eine
helfende Hand geben,
damit wir ein Segen sein können und ein Zeichen seiner Liebe für
alle, denen wir begegnen
hier in Pankow, in dieser Stadt und in dieser Welt.
Amen.