Predigt · 1. Sonntag nach Epiphanias · 10. Januar 2016 · Pfarrerin Ruth Misselwitz

Posted by on Jan 15, 2016 in Predigten | No Comments

Römer 12, 1 – 8

Liebe Schwestern und Brüder,
dieser Sonntag steht unter der Überschrift: Welche der Geist Gottes
treibt, die sind Töchter und Söhne Gottes – so hörten wir es am
Anfang des Gottesdienstes.


Und aus dieser Sicht lese ich noch einmal den Predigttext vor, den
wir vorhin in der Lutherübersetzung gehört haben.
Jetzt hören sie die Übersetzung aus der Bibel in gerechter Sprache.


Verlesen des Textes Röm. 12,1-8……


„1Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes
Mitgefühl und bringt eure °Körper als lebendige und heilige °Gabe
dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemäßer Gottes-
Dienst. 2Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von
den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. So
wird euch deutlich, was Gott will: das Gute, das, was Gott Freude
macht, das Vollkommene.
3Erfüllt von der °Zuneigung Gottes, die mir geschenkt wurde, sage
ich nun einer jeden und einem jeden von euch: Überfordert euch
nicht bei dem, wofür ihr euch einsetzt, achtet auf eure Grenzen bei
dem, was ihr vorhabt. Denn Gott hat jedem und jeder ein bestimmtes
Maß an Kraft zugeteilt, °Vertrauen zu leben.
4Denkt an unseren °Körper. Er ist eine Einheit und besteht aus vielen
Körperteilen, aber nicht jedes Teil hat dieselbe Aufgabe. 5So sind
wir, obwohl wir viele sind, doch ein einziger Körper in der
Gemeinschaft des °Messias. Einzeln betrachtet sind wir Körperteile,
die sich füreinander einsetzen. 6Wir haben jeweils unterschiedliche
°Fähigkeiten, die uns in °göttlicher Zuwendung geschenkt wurden:
Wer die Gabe hat, prophetisch zu reden, nutze sie, um deutlich zu
machen, welches Handeln dem Vertrauen auf Gott entspricht. 7Wer
die Gabe hat, für andere zu °sorgen, nutze sie zum Wohl der
Gemeinschaft. Wer die Gabe hat zu lehren, nutze sie, um andere am
Wissen teilhaben zu lassen. 8Wer die Gabe hat zu trösten, nutze sie,
um andere zu ermutigen. Wer mit anderen teilt, sei aufrichtig dabei.
Wer eine Leitungsaufgabe übernimmt, fülle sie mit Begeisterung aus.
Wer solidarisch mit anderen lebt, soll es heiter tun. „


Sie merken wohl dass da einiges anders klingt, als bei der
Lutherübersetzung. Ich werde an einigen Stellen darauf näher
eingehen.


Der Brief des Apostels Paulus an die Römer ist wohl der wichtigste
und inhaltsreichste Brief, den Paulus geschrieben hat.
Die Gemeinde in Rom hat er noch gar nicht gekannt.
Ein anderer christlicher Missionar hat diese Gemeinde gegründet und
Paulus liegt es nun sehr am Herzen, diese Gemeinde mit seiner
Theologie zu unterrichten.
Und die ist bekanntermaßen nicht ganz einfach.


In das Zentrum der Macht will Paulus eindringen –nach Rom.
Denn Rom war damals der Mittelpunkt der Welt –
die Herrschaftsmetropole an sich.
Die ganze Welt wollte sich Rom zu Füßen werfen.
Und dafür hat es auch alles an Geld und Macht und Intrigen
eingesetzt.


Paulus ist überzeugt, wenn er den Glauben an Jesus, den Messias,
mitten hinein in diese Machtmetropole trägt und er Früchte bringt,
dann wird die Welt endlich befriedet sein – dann ist Friede auf Erden.


Das ist der Motor für seine emsige Missionstätigkeit, für die vielen
Plagen, die er auf sich nimmt, aber auch die vielen Freuden, die er
dabei erfährt.

Und er schickt seine Mitarbeiterin Phöbe mit dem Brief nach Rom.
Sie hat ihn schon durch mehrere Höhen und Tiefen hindurch
begleitet, sie ist die Leiterin einer christlichen Gemeinde in
Kenchräa,
Phöbe ist klug und stark genug, diesen schwierigen theologischen
Brief des Paulus den Mitgliedern der römischen Gemeinde zu
überbringen und zu erklären,
denn sie muss die Fragen beantworten und die paulinische Theologie
erklären.


In dem Abschnitt, den wir vorhin hörten geht es Paulus um die
Funktion und das Selbstverständnis der Gemeinde, der Kirche
schlechthin.


„Ich ermahne euch nun, liebe Brüder und Schwestern, eure Leiber als
ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer hinzugeben. Das
sei euer vernünftiger Gottesdienst.“


Ein vernünftiger Gottesdienst als ein Opfer unserer Körper ist uns
wohl auf dem ersten Blick ein ungewöhnlicher Gedanke.


Zunächst einmal scheint das Opfern der Körper ungute Assoziationen
hervorzurufen.
Auf Kriegsgräbern lesen wir so etwas: Er hat sein Leben geopfert für
Volk und Vaterland, für die Ehre, für Gott und den Glauben.


Lesen wir die Übersetzung aus der BiG, dann klingt das so:
VV 1-2
„1Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes
Mitgefühl und bringt eure °Körper als lebendige und heilige °Gabe
dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemäßer Gottes-
Dienst. 2Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von
den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. So
wird euch deutlich, was Gott will: das Gute, das, was Gott Freude
macht, das Vollkommene.“


Liebe Schwestern und Brüder,
unser Gottesdienst soll sich nicht nur auf das sonntägliche
Beisammensein beschränken,
er soll unser ganzes Leben umfassen.


Auch im Alltag, in unserem Beruf, im Umgang mit der Familie, mit
den Freunden, mit den Bekannten und Fremden um uns herum
sollen wir erkennbar sein als Kinder Gottes.


„Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von den
Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert.“


Die Wirklichkeit sieht nun einmal so aus: da gibt es Rangkämpfe,
Intrigen, Neid, hierarchische Gelüste udgl. mehr.


Dagegen nun setzt Paulus das Bild vom Leib Christi, an dem jeder
von uns ein Körperteil ist und so eine bestimmte Funktionen hat,
je nach der Begabung, die uns von Gott gegeben wurde.


Und ein vernünftiger Gottesdienst soll sein, unsere Begabungen zu
erkennen und sie einzusetzen, ohne dass wir uns gegenseitig damit
behindern, herabsetzen oder überfordern.


Ein vernünftiger Einsatz bedeutet, die eigenen Besonderheiten und
die des anderen zu erkennen und sie zum Einsatz kommen zu lassen.


„ich sage euch aber: Überfordert euch nicht bei dem, wofür ihr euch
einsetzt, achtet auf eure Grenzen bei dem, was ihr vorhabt, denn Gott
hat jedem und jeder ein bestimmtes Maß an Kraft zugeteilt, Vertrauen
zu leben.“


So ermahnt Paulus seine Gemeinde in Rom, so will ich das auch an uns weiter geben.


Achtet auf eure Grenzen, bei dem, was ihr vorhabt –


liebe Schwestern und Brüder, bei dem, was heute alles an
Bedürfnissen und Anforderungen über uns zusammen fällt, kann uns
schon der Atem ausgehen.


Da treibt uns das Flüchtlingsproblem um und wir versuchen, zu
helfen und sehen, wie das alles nur wie ein Tropfen auf den heißen
Stein ist
und wir das ganze große Elend nicht lindern können.


Da gibt es die Anforderungen im Beruf, in der Familie, im
Freundeskreis, denen wir nur mit großer Mühe gerecht werden
können.


All zu oft erleben wir, dass wir diesem oder jenem nicht gewachsen
sind,
wir fühlen uns unvollkommen und minderwertig
und beneiden dann vielleicht noch diejenigen, denen scheinbar alles
so gut von der Hand geht und die doch viel begabter sind als wir.


„Überfordert euch nicht bei dem, wofür ihr euch einsetzt, achtet auf
eure Grenzen bei dem, was ihr vorhabt, denn Gott hat jedem und
jeder ein bestimmtes Maß an Kraft zugeteilt.“


Liebe Schwestern und Brüder, ich finde, das ist ein sehr tröstlicher
Satz.
Er ermahnt nicht nur mich, mit mir behutsam umzugehen,
sondern er ermahnt uns alle, aufeinander acht zu geben,
uns nicht gegenseitig zu überfordern oder gering zu schätzen.


Denn die Kraft, die ein jeder besitzt ist sehr unterschiedlich.
Und diese Kraft ist nicht unser eigener Verdienst und mit der eigenen
Willenskraft errungen,
sondern sie ist uns von Gott geschenkt und in verschiedenem Maße
zugeteilt worden.


Mit diesem Reichtum umzugehen aber auch mit seinen Grenzen
ist wohl eine lebenslange Herausforderung.


Paulus entwirft nun das Bild von einem Körper, an dem es viele Teile
gibt und die sehr unterschiedliche Aufgaben haben.


Alle Teile aber müssen im Einklang und in Harmonie miteinander
kooperieren, damit der Körper im Ganzen funktionieren kann und
gesund bleibt.


Wir erleben das ja auch an unserem eigenen Körper, dass es
Störungen gibt, wenn wir einige zu stark, andere zu wenig
beanspruchen.


Gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung, gute Pflege – so halten
wir einen Körper jung.
In einem gesunden Körper ist auch ein gesunder Geist – so sagt man.


Aber ist mit diesem ewig jung und gestylten Fitniss-magazin-körper
der Leib Christi gemeint?


Nein, dieser Leib, den wir auch die Kirche nennen, ist sehr, sehr alt –
2000 Jahre alt.


Alt wie der Körper einer hochbetagten weisen Frau mit vielen
Mahlen übersät,
Mahle des Hochmuts wie des Leidens, der Schande wie der Ehre,


an manchen Stellen verkrümmt und verbogen, auf Stirn und Gesicht tiefe Falten des Wissens und der Erfahrungen,
der guten wie der bösen;


Die Augen manchmal trübe und geschlossen,
dann aber wieder hellwach und funkelnd;


In schlechten Zeiten vom Fieber geschüttelt und nach Wasser
lechzend,
in anderen dagegen stark und kräftig, schützend und bergend.


Die Körperschaft Kirche – sie geheiligt durch die Menschwerdung
Gottes.


Indem Gott selbst in einem menschlichen Körper Wohnung gesucht
hat,
indem er uns durch Jesus Christus als Mensch erschienen ist und sich
in diese Welt begeben hat,
hat er diesen unseren hinfälligen und schwachen Körper geheiligt
und mit ihm diese Welt.


Es gibt demnach keine gottlose Welt, keine gottlose Kirche, Moschee
oder Synagoge,
in jedem Menschen, auch in dem Krüppel und in dem Lahmen,
ist das göttliche Abbild zu finden.


Und wenn wir unter unserer Unvollkommenheit leiden,
an der Unvollkommenheit dieser Welt und unseres Lebens,
dann dürfen wir uns immer erinnern lassen, dass sich Gott nicht zu
schade war, in diese Unvollkommenheit einzutreten.


Auch in unseren unvollkommenen Gemeinden ist er gegenwärtig und
heiligt sie.
Wenn wir uns umeinander bemühen, aufeinander Rücksicht nehmen
und uns gegenseitig achten,
dann wird das ein vernünftiger Gott wohlgefälliger Gottesdienst sein,
dann wird die Welt erkennen, dass wir Gottes Kinder sind.


Gebe er uns die Weisheit und die Kraft dazu, in Jesu Namen. Amen.