Ansprache zum Jahreswechsel · 31. Dezember 2012 · Christoph Dieckmann

Posted by on Mrz 10, 2013 in Predigten | No Comments

Liebe Silvestergemeinde,


am 23. November 2012 hörte man seit langem wieder etwas von Manfred Stolpe. Die „Märkischen Allgemeine“ veröffentlichte ein Gespräch unter dem Titel „Ohne Rücksicht auf Gefühle“. Überraschenderweise träumte der Alt-Ministerpräsident (oder war´s der Kirchenmann Stolpe?) von einem antikapitalistischen Volksaufstand. Es ging um den Potsdamer Weihnachtsmarkt, der pietätloserweise bereits zehn Tage vor dem ersten Advent, das heißt: drei Tage vor Totensonntag eröffnet wurde. Stolpe zeigte sich – Zitat – „ein bißchen erschüttert, daß das Kommerzdenken sich über alle Anstandsregeln hinwegsetzt“. Der Interviewer: „Aber die Wirtschaft muß ja auch leben.“ Stolpe, unbelehrbar: „Ich hoffe, daß es genügend Menschen in Potsdam gibt, die so rücksichtsvoll sind gegenüber den
Gefühlen ihrer Mitbürger, daß sie die voreiligen Händler auf dem Markt durch ihr Nichterscheinen abstrafen.“ Der Interviewer fragte, was Stolpe als „sehr gläubigem Menschen“ der Totensonntag bedeute. “Stilles Gedenken – kein Feiertag“, sagte Stolpe. „Es ist ein Tag des Innehaltens mit einer doppelten Funktion: der dankbaren Erinnerung an die
Verstorbenen und der Besinnung auf die Endlichkeit des eigenen Lebens.“


Liebe Gemeinde, so ähnlich empfinde ich auch Silvester, den Altjahrsabend. Davon möchte ich erzählen, und vom Kreislauf der Zeit, bevor das große Feuerwerk alles überdröhnt. Im anhaltinischen Dorfpfarrhaus meiner Kindheit wurde recht sparsam geböllert. Vater hielt die Knallerei für rausgeschmissenes Geld, Mutter fürchtete sie als Déjà vu der Bombennächte, ich wollte meinen Kater nicht erschrecken, und meine pyroman gestimmten Brüder stießen an die Grenzen ihres Taschengelds. Außerdem lebten wir Pastorenkinder ja in der christlichen Zeitrechnung, die gegenüber der weltlichen einen Vorsprung hatte. So wie unsere Woche
nicht montags anfing, sondern sonntags, am Tag der Auferstehung, so begann das Kirchenjahr nicht am 1. Januar, sondern am 1. Advent, alle Jahre wieder. Doch auch die weltliche Zeit des Dorfs schritt nicht geradeaus. Sie lief im Kreis. Im Märzen der Bauer sein Rößlein einspannt. Sommerfeld, uns auch meld, wieviel zählst du Ähren? Bunt sind schon die Wälder, kahl die
Stoppelfelder, kühler pfeift der Wind. Und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.


Der Winternacht entsprang, die Winternacht verschlang das Kirchenjahr. Es endete am Totensonntag, den Vater Ewigkeitssonntag nannte. Am Ewigkeitssonntag strömte die Kirche voll. Ich weiß es noch wie gestern: Vater verliest die Liste der Gestorbenen, deren Verwandte
gekommen sind, um die Namen der Ihren noch einmal öffentlich zu hören. Die Gemeinde erhebt sich, sie erfüllt das Gottgehäuse mit murmelndem Gebet, sie spricht den Psalm desVergehens und der Immerwiederkehr:
Herr, du bist unsre Zuflucht für und für.
Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von
Ewigkeit zu Ewigkeit.
Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!
Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine
Nachtwache. (…)

Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn´s hoch kommt, so sind´s achtzig Jahre, und
wenn´s köstlich gewesen ist, so ist´s Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon (…)
Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.

Dann segnet der Vater die Gemeinde. Die Kantorin orgelt das Nachspiel. Stumm und schwer schreitet das Nordharzer Bauernvolk hinaus in den November, durch die kahle Doppelreihe Linden, die Treppe zum Kirchweg hinunter ins Dorf. Im Dämmer des Kirchvorraums hängen mächtige Tafeln, bemalt mit urwüchsigen Namen, wie sie Vater eben vorgelesen hat: Lodahl, Schliephacke, Feuerstacke, Biewendt, Bassuener, Kassebaum… Aus
dem Kirchspiele starben für König und Vaterland 1814
bei Mons, Ligny und Belle Alliance, das ist Waterloo… Für König und Vaterland starben aus der Gemeinde im Kriege gegen Oesterreich 1866 bei Königgrätz … Für König und Vaterland starben im Kriege gegen Frankreich 1870 u. 1871 bei Beaumont und Verneville … Viel mehr Namen standen auf anderen Tafeln. Sie verzeichneten die Kriegsgefährten, die von dieser größten Reise ihres
Lebens glücklich, weil lebendig wiederkehrten und davon erzählen konnten bis ans Ende ihrer Tage. Starben sie, erhielt ihr Name ein Kreuz. Hinter manchen haftet noch ein mürbes Ordensbändchen.
Der nächste, der Weltkrieg beendete diesen Brauch. Man gedachte, auf der weitaus größten Tafel, nur der gefallenen Helden. An die hundert Dörfler sind unters Feld der Ehre gepflügt – in Rußland, Schlesien und der Champagne, bei Arras und Langemark, an der Somme, in den
Karpaten und Argonnen, vor Verdun und wo sonst ein Dingelstedter Bauernjunge die Scholle seiner Väter verteidigen mußte. Generation um Generation eilte oder trottete ins Feld, der Bestimmung unterjocht wie die Tiere. Dieselben Namen immer wieder lesend, war mir, als fahre das Dorf im Kreis wie Wilhelm Hauffs Gespensterschiff, als berge die Ortsgeschichte
einen Nachtmahr, ein Gegendorf, bewohnt von untoten Ahnen, deren aktuelle Wiedergänger ich als Kind im Jahre 1966 höchst lebendig kenne. Energisch scheucht Herr Lueddecke (+27.10.1915 in Velikoselo/Serbien) die Jugend über den Fußballplatz, agil bedient Herr
Kassebaum (+ 12.8.1915 bei Lenz/Frankreich ) in seinem Lebensmittelladen. Herr Westendorf (+ 25.4.1917 in Bohain) bäckt unser täglich Brot. Herr Wiedenbach (+ 1.4.1918 in Betrancourt sowie schon am 26.9.1915 in französischer Gefangenschaft) ist Elektriker, Herr Kramer (+ 26.10.1916 bei Bezonvause) besitzt das einzige Taxi des Dorfs. Tischler Penselin (+ 9.4.1918 bei Beuguaire) hat uns gerade die Ofenbank gezimmert. Käme Krieg, sie
allen müßten wieder sterben.
Der letzte Krieg war dann so groß, Deutschland dermaßen schuldig, daß keine Tafel in der Kirche die Toten nennt. Ihr stummes Gedächtnis sind die alten Frauen in Schwarz. Sie prägen das dörfliche Bild, sie legen die schwarzen Kleider nie wieder ab. Frauen trauern für immer, erklärt die Mutter, außer wenn sie jung sind.
Sind Männer nicht so lange traurig? Warum tragen Männer kein Schwarz?
Weil sie meistens vor den Frauen sterben.
Und wenn nicht?
Manchmal tragen sie am Ärmel einen Trauerflor.
Für immer?
Für ein Jahr.
Männer trauern nur ein Jahr, dafür müssen sie Soldaten werden. Aber nun, in meiner Kindheit, war aller Krieg vorbei. Die kreisförmige Geschichte hatte sich entkrümmt und lief geradeaus, in Richtung Zukunft. Das fragile Gleichgewicht des Kalten Kriegs hielt ich für dauerhaften Frieden. Jedes Jahr Distanz zu 1945 nährte die Gewißheit, daß die Menschen zur
Vernunft gekommen seien. Im Dorf kursierte noch der Spruch: Dem Deutschen, der je wieder ein Gewehr ergreift, soll die Hand abfallen. Was, wenn nicht diese Einsicht, konnte Fortschritt heißen?


Seit 1995 lebe ich in Pankow. Hier habe ich eine Silvestergewohnheit angenommen. Zur Jahreswende pilgere ich in die Schönholzer Heide, zum sowjetischen Ehrenmal. 13 200 Rotarmisten und Kriegsgefangene liegen dort begraben, verreckt bei der Schlacht um Berlin, in der Hut einer bronzenen Mutter Heimat. Dahinter ragt ein Obelisk. Die Sowjet-Ästhetik ist
wuchtig, doch das Gedenken überwiegt den Siegespomp. Und mich befriedigt, daß hier Marmor aus Hitlers zerstörter Reichskanzlei verbaut wurde, wie auch im U-Bahnhof Mohrenstraße und im Foyer der Humboldt-Universität.
Derzeit wird das Schönholzer Mahnmal restauriert, aus Bundesmitteln. 1994, beim Abzug der Besatzungstruppen, verpflichtete sich Deutschland zur Pflege der sowjetischen Gräber– und Gedenkanlagen. Gegenüber dem Eingang informieren drei Schaukästen – einer von Narrenhand blindgesudelt mit dem roten Schriftzug ANTIFA – über weitere kontaminierte Orte unseres Stadtbezirks. In der Schönholzer Heide lag auch das sogenannte Luna-Lager, dessen zweieinhalbtausend ausländische Zwangsarbeiter für die deutsche Rüstung schuften mußten; über hundert starben. Unweit davon findet sich, von Efeu bewuchert, einer der
deutschen Kriegsfriedhöfe, deren schlichte Grabquadrate nur die Namen und die Lebensspanne nennen, als Todesdatum manchmal den letzten Tag des Kriegs. Es wurde unendlich gestorben, als der deutsche Krieg nach Hause kam. Dies bedenkend, empfinde ich den deutschen Frieden als Gnade, Jahr für Jahr. Und wie nahe dem Inferno wurde unsereins
geboren.
Vor zwei Wochen hat in Dresden eine Ausstellung eröffnet. Sie heißt „Stalingrad“. Das Militärhistorische Museum erinnert an die Wendeschlacht des Zweiten Weltkriegs – aus deutscher wie aus russischer Perspektive. Die Hälfte der gut 500 Exponate stammt aus Rußland, größtenteils aus dem Panorama-Museum Wolgograd, wie Stalingrad seit 1961 heißt. Ich war dabei, als die Kisten geöffnet wurden. Wohlverpackt, in hellen Schwamm gebettet, erschienen die Relikte der Schlacht. Einst umbrüllte die Hölle diese Gegenstände, nun wurden sie mit weißem Handschuh zartfingrig enthüllt. Ein Schanzspaten, ein Bürolocher, eine „Weltmeister“-Mundharmonika. Pralinenschachtel, Aktenmappe, Lampenschirm. Fred Bönings
Soldatenkappe, der Fliegerhelm von Lidia Wladimirowna Litwak. Ein besticktes Tischtuch, Tassen, Rosenporzellan aus dem Stabsquartier des Generalobersten Friedrich Paulus. Ein Feldchirugen-Koffer, ein kyrillisch bemaltes Schild, dessen Aufschrift russischen Passanten Erschießung androht. Ringe, Amulette, Schutzbriefe, in denen verzweifelte Wehrmachtsoldaten einander die Heimkehr versprechen. Eine Schallplatte, gesprungen: „Simaja Doroga“ („Winterwege“). Der Text ist von Puschkin. Die Besitzer vergruben die Platte vor der Flucht aus Stalingrad. Sie überlebten, kehrten zurück und gruben ihre Platte aus.

All diese Reliquien sind in Dresden zu sehen. Auch zu verstehen? Eindeutig zu lesen wie die Feldpostbriefe? Am 1. August 1942 schrieb der Wehrmachts-Stabsarzt Horst Rocholl seinem Kind: „Heute haben wir einen Juden gefangen, einen Unterleutnant, der ein typisches Verbrechergesicht hatte und log, dass sich die Balken bogen. Seine Soldaten, bes. ein
20jähriger, wollten, dass er totgeschossen würde. – Einen lieben, ganz langen Kuß. Dein oller Papa.“ Am 4. Dezember 1942 schrieb der Gefreite Wernfried Senkel aus Stalingrad an seine Eltern: „Ich habe nur einen großen Wunsch, und der wäre: Wenn diese Scheiße endlich mal ein Ende hätte. Das wir Rußland den Rücken kehren. Ob wir das mal noch mit erleben werden. Wir sind alle so niedergeschlagen“ Genaueres dürfe er nicht schreiben. „Es ist auch besser so. Ihr würdet Euch nur unnötige Sorgen machen.“ Nötige Sorgen. Seit dem 12. Dezember 1942 wird Senkel „vermißt“. Dr. Rocholl überlebte Stalingrad. Danach, bekannte er, sei „nichts wie zuvor“ gewesen. „Und vor allem ich war ein anderer geworden.“
Stalingrad, das sind 700 000 Tote und zwei Mythen. Aus sowjetischer Perspektive war Stalingrad der erste Schritt auf dem Weg nach Berlin. Der westdeutsche Nachkriegsmythos handelte vom „Opfergang“ der 6. Armee. Dem DDR-Geborenen war die sowjetische Sicht anempfohlen und verständlich. Die Russen verteidigten ja ihr Land. Die Wehrmacht hatte sich
an die Wolga vorgemordet, inklusive Assistenz bei Massakern wie dem an 33 000 Juden in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew.
Doch warum heute Gedenken an Stalingrad? Weil die Zeit Kreise zieht. Weil wir Geschichte zu Erinnerungszyklen formen, die aber heutigen Bedürfnissen entsprechen: Wir erinnern, wie wir´s brauchen. Viele Gedenkzyklen sind willkürlich; sie folgen runden Jahrestagen, also
schlicht dem Dezimalsystem. Die Schlacht von Stalingrad war vor 70 Jahren; sie qualmt noch; es leben noch einige, die sie überlebten, und sehr viele Nachgeborene des Kriegs, die seine Folgen familiär und politisch erfahren haben. Unseren Kindern jedoch bedeutet Stalingrad nicht
mehr als uns 2013 die 200jährige Wiederkehr der Leipziger Völkerschlacht. 2014 ist es dannhundert Jahre her, daß die europäischen Großmächte die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts auslösten. Lebende Zeitzeugen sind bei diesem Erinnern sowenig zu erwarten wie 2012 zum 300. Geburtstag Friedrich des angeblich Großen, der einen berlin-brandenburgischen Staatsakt bekam. Die Leichenberge des ruhmesgeilen Kriegsanzettlers Friedrich sind erinnerungspolitisch längst entsorgt. Umso heiterer erstrahlt die friederizische Pracht von Sansscouci und der restaurierte Anekdotenschatz unseres Alten Fritz.


Geschichte wird Vorgeschichte. Dies ist der andere Zeitkreis: der Zyklus der Generationen. Geschichte wird tradiert und beginnt doch immer wieder neu, weil jeglichem Erinnern das Vergessen innewohnen – auch das Vergessen des schrecklichst erfahrenen Kriegs durch die Kindeskinder des Friedens. Gibt es generationsübergreifendes Lernen? Oder muß jede
Generation dieselben Erfahrungen machen, bis sie als Krüppel heimkehrt? Oder als Mörder,falls überhaupt? Muß man erst in den Krieg, um ihn zu hassen? Ich möchte glauben: Nein. Und ich möchte verzweifeln ob der immer wiederkehrenden Verdrängung dessen, was Krieg bedeutet: die Hölle auf Erden. Unvergeßlich bleibt mir ein Gespräch mit zwei jungen
Bundeswehrsoldaten im Jahre 2011. Ich sagte: In diesem Beruf müßt ihr auf Menschen schießen. – Och, sagten sie, gibt Schlimmeres.

Es gehört zu den Glücksfällen meines Lebens, daß ich niemals einen Waffenrock tragen mußte. Ich entsinne mich der Einberufungsüberprüfung zur Nationalen Volksarmee beim Wehrkreiskommando Berlin-Mitte, im Jahre 1982. Damals war ich Vikar, in Berlin-Buch. Meine Waffendienst-Verweigerung beschied die musternde Kommission mit dem Versprechen,
„der nächste richtige Krieg“ werde mir „diesen pazifistischen Jesusquatsch austreiben“. Rückstellung abgelehnt!, orgelte der Kommandant. Bürger, ich berufe Sie ein! Ich eilte zum Konsistorialpräsidenten Manfred Stolpe. Der versprach sich zu kümmern, und tat´s. Einberufen wurde ich nie. Es flossen Rotz und Wasser zum Zeichen des Glücks.
Vermittels welcher Kanäle Stolpe in solchen Fällen helfen konnte, hat damals keiner gefragt. Doch es war klar, daß die Evangelische Kirche in der DDR allen Militärdoktrinen widerstrebte, auch der SED-staatlichen Schmeichelparole „Der Friede muß bewaffnet sein“. Dieses Nein
gegenüber Ideologie und Praxis der Abschreckung war ein genetischer Kern der Friedlichen Revolution. Pfarrer Rainer Eppelmann, der Abschieds-Armeechef der DDR, nannte sich demonstrativ „Minister für Abrüstung und Verteidigung“. Der heutige Ressortchef Thomas de Mazière propagiert auf Kirchentagen ein markig-militärseelsorgerliches Realchristentum. Das
Friedensmantra der DDR ist der allbeschworenen Freiheit gewichen. Diese Freiheit muß bewaffnet sein; führende Prediger setzen sie ineins mit der Freiheit eines Christenmenschen.
Zudem wurde die Bundeswehr 2011 handstreichartig umgerüstet: von der defensiven Bürgerarmee zur Profi-Interventionstruppe, deren weltweites Operieren man uns, der Bevölkerung, vorsorglich annonciert. Da gerät etwas ins Rutschen; da wird, Schrittchen für Schritt, eine Perversion normal. Auch die Sprache rüstet auf: Unser Engagement braucht die
militärische Option, also das robuste Mandat zum Waffengang. Was immer dabei geschieht – es wird im Namen der Freiheit sein.
Nennen wir´s beim Namen: Wir Deutschen führen wieder Krieg. Wir töten und werden getötet. In unseren Kirchen werden Särge mit sogenannten Gefallenen aufgebahrt und opferrhetorisch bepredigt. Das ist Mißbrauch, wenn nicht Gotteslästerung. Mehr als die Hälfte der deutschen Afghanistan-Soldaten kommt aus den östlichen Bundesländern. Im strukturschwachen Osten ist die Bundeswehr, mithin der Krieg, ein begehrter Arbeitgeber. Auch das gehört zur einheitsdeutschen Folgegeschichte der Friedlichen Revolution. Und, da wir zum Ende eines Jahres bilanzieren: Auch in diesem Jahr steigerte die Bundesrepublik ihre triumphale ökonomische Bilanz als weltdrittgrößter Waffenexporteur. Diese Waffen sichern deutsche
Arbeitsplätze und töten undeutsche Menschen. Die Waffenindustrie erwirtschaftet einen erheblichen Teil der deutschen Exportüberschüsse. All das heißt Normalität und dient, wie die Bundeskanzlerin erklärt, der Sicherung des Friedens. Wie sagte Manfred Stolpes Interviewer in
der „Märkischen Allgemeinen“: „Aber die Wirtschaft muß ja auch leben.“ Ich hoffe, daß es genügend Menschen in Deutschland gibt, die so verantwortungsbewußt sind, daß sie diese Art von Marktpolitik durch hörbare Nichtzustimmung abstrafen. Ich denke oft an einen Satz des
1914 ermordeten französischen Sozialistenführers Jean Jaurès: „Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.“


Liebe Gemeinde, es tut mir leid, daß ich Ihnen so eine ungemütliche Silvesterrede halte. Doch hier, in der Kanzel der Pankower Friedenskreis-Heroine Ruth Misselwitz muß ich reden, was mir auf den Nägeln brennt. Natürlich läßt sich auch persönlicher sinnieren über die Zyklik des Lebens: anhand der Jahreszeiten, oder der Routine, die uns manchmal auf ein Karussell setzt und manchmal ins Hamsterrad. In jedem Fall dreht sich die Welt zu schnell. Wie ihren Zentrifugen zu entkommen sei, davon haben wir ja gesungen mit Jochen Kleppers Choral „Der
du die Zeit in Händen hast“:

Wer ist hier, der vor dir besteht?
Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht:
Nur du allein wirst bleiben.
Nur Gottes Jahr währt für und für,
drum kehre jeden Tag zu dir,
weil wir im Winde treiben.


Uns allen geht es gleich. Wir leben zeitlich. Alljährlich werden uns zwölf Monate entrissen.Dafür wünschen wir eine Entschädigung: einen Sinn, der standhält wider sinnlos verströmendes Leben. Als Reporter habe ich es gut. Ich tausche Zeit gegen Erlebnisse und Geschichten. Meine Geschichten sollen das Vergangene begrünen und der Zukunft Wurzeln geben.


Die Zeit kreist vorwärts; sie kehrt niemals in sich selbst zurück. Es gibt einen englischen Folksong, den ich sehr liebe. Er heißt „The January Man“, der Januar-Mann, und erzählt von den zwölf Monaten wie von Brüdern. Januar ist der älteste und lebensklügste; wetterfest verpackt stapft er durch den Winter. Februar schüttelt den Schnee aus den Kleidern, März
bewillkommnet den Frühling, April die Vögel des Sommers. Mai sieht die spielenden Kinder, Juni breitet alle Farben aus. Und so fort. Oktober plagt schon früher Frost, November kämpft mit Nebel und Regen. Dann aber erscheint Dezember, der Jüngste, in Hoffart, mit fürwitzigem
Dünkel. Nach mir, denkt er, kommt keiner mehr. Ich bin das Ende der Geschichte. Und dann erschrickt er und lernt seine Lehre für´s Leben. Denn da kommt doch noch wer:

Der Januar-Mann zeigt sich aufs Neu

Im Wollgewand, mit schweren Schuh´n

Läuft abermals die Runde nun

Die eisige Chaussee, vertraut und treu

Der Januar-Mann erscheint, daß es beginnt

Wie jedes Jahr, wie alle Jahre sind

Die Straße, endlos, frei

Amen

(Copyright: Christoph Dieckmann)