Ansprache zum Jahreswechsel · 31. Dezember 2019 · Felix Chr. Matthes

Posted by on Jan 10, 2020 in Predigten | No Comments

Liebe Frau Pfarrerin Sippel,
liebe Pankowerinnen und Pankower,
liebe Freundinnen und Freunde,
also: liebe Gemeinde,


morgen beginnen die 2020er Jahre. Im letzten Jahrhundert
trugen die 2020er Jahre den Titel der „Goldenen“, auch wenn
für die übergroße Zahl der Menschen die Lebensbedingungen
dieser Dekade wohl kaum das Prädikat „Golden“ verdient.


Und nicht nur, weil völlig offen ist, welches Prädikat einmal den
20er Jahre des 21. Jahrhunderts zugeschrieben werden wird,
aber eben auch deswegen ist dieser Jahreswechsel ein
besonderer.


Es geht aber auch ein spezielles Jahr zu Ende. Ein Jahr mit
besonders schnellen und besonders einschneidenden
Veränderungen.


Die Welt wandelt sich, viele der alten Gewissheiten erscheinen
brüchig. Gerade bei den Themen, bei denen viele von uns
dachten, dass die Entwicklungsrichtung eindeutig wären:
Globalisierung, zunehmende Liberalität etc.


Die Welt scheint zunehmend auseinanderzufallen, bei den sog.
Wertegemeinschaften der westlichen Welt, beim weltweiten
Handel und an vielen anderen Stellen. Zollkriege, das Brexit-
Drama, unser Verhältnis zu China und Russland.


Auf der anderen Seite erleben wir mit ganzer Wucht, wie sehr
wir inzwischen die Natur verändert haben.
Klimaveränderungen werden für Ökosysteme und Menschen
so unübersehbar und einschneidend, dass wir inzwischen –
aus guten Gründen – von Erderhitzung statt von
Erderwärmung sprechen.


Und dabei geht es ja nur in zweiter Linie um uns hier in
Deutschland, um die Hitzesommer hier und den Zustand
unserer Wälder. Vor allem betroffen sind und bleiben vorerst
die Menschen in anderen Regionen dieser Erde, die von
extremen Naturereignissen betroffen sind, deren
Trinkwasserversorgung zunehmend unter Stress gerät, in
deren Regionen nicht mehr genug Nahrungsmittel hergestellt
werden können. Oder deren Häuser in Flammen aufgehen, wie
uns die aktuellen Bilder aus Australien so bestürzend zeigen.


Die Veränderung des Klimas ist 2019 in der Wahrnehmung
sehr vieler Menschen endgültig herausgetreten aus der Nische
eines sehr speziellen Umweltthemas.


Ausgesprochen schwierige Veränderungen vollziehen sich
mit zunehmender Dynamik aber auch in unserer
Gesellschaft.


Die Prominenz von Wahrheit oder zumindest der Suche nach
Wahrheit erodiert. Man kann politische Erfolge erzielen oder
gesellschaftliche Stimmungen drehen, in dem sehr bewusst
und nicht nur einmal die grobe Unwahrheit gesagt wird.


Damit einher geht oft die übergroße Personalisierung
öffentlicher Diskurse. Es geht scheinbar immer weniger
darum, was ist richtig oder was wahr ist, oder welches
Wertesystem zu welchen Schlussfolgerungen führt, sondern
zunehmend allein nur noch darum, wer auf der öffentlichen Bühne gewinnt und wer verliert.

Und offensichtlich viele Menschen verlieren die Zuversicht,
dass unsere Gesellschaft, unser politisches System und
unsere Institutionen zukunftsfähig sind und die
anstehenden, großen und rapide wachsenden
Herausforderungen auch wirklich lösen können.


Diese Zuversicht scheint aus ganz unterschiedlichen Gründen
zu erodieren: In einem Extrem vor dem Hintergrund wirrer
völkischer Ideen. Im anderen Extrem, weil wir existenzielle
Fragen scheinbar nicht schnell genug in den Griff bekommen.


Trotz dieses so unbestreitbar schwierigen Hintergrunds und
dieser so unbestreitbar negativen Entwicklungen ist für mich
das vergangene Jahr das Jahr der Hoffnung – und der
Hoffenden. Und nicht zuletzt deswegen auch ein Jahr, in dem
die Scheidewege deutlicher werden.


Diese Hoffnung hat viele Gesichter, vor allem junge Gesichter.
Da entsteht, scheinbar aus dem Nichts, eine Bewegung von
Schülerinnen und Schülern, die das Land verändert. Die im
gesellschaftlichen Bewusstsein der Zukunft ein Bild geben, das
wir alle aus dem privaten Leben kennen, das Bild unserer
Kinder. Kinder, die Ihre Ängste und Forderungen lautstark,
aber eben auch anders öffentlich machen.


Ich musste als Mitglied der Kohle-Kommission mehrmals durch
das Spalier von Kohle-Gewerkschaftern laufen. Mit Trommeln,
Fackeln und vielen Trillerpfeiffen, freigestellt von den Kohle-
Unternehmen und mit Bussen herangekarrt.


Diese Choreographie war dann aber sehr wenig
beeindruckend im Vergleich mit Schülerinnen und Schülern,
mit selbstgemalten Plakaten, die die Schule schwänzen und
den Ruf skandieren, der für mich der Satz des Jahres ist: „Wir
sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“.


Und sie haben etwas bewirkt. Ohne die „Fridays for Future“
hätten wir in Deutschland und Europa, und dort auch nicht nur
in den üblichen Staaten, nicht die Fortschritte in der
Klimapolitik gemacht, die für das letzte Jahr zu bilanzieren
sind. So klein und unzureichend sie sind.


Die „Fridays“ machen einen großen Unterschied. Sie sind das
Gesicht der Zukunft, sie sind ein Gesicht der großen Energie
einer demokratischen Gesellschaft und sie sind das Gesicht
der Veränderung.

Und um ganz ehrlich zu sein: mein Respekt vor dem großen
Druck, den sich die Schülerinnen und Schüler aufladen, ist
riesengroß. Und deshalb fühle ich mich oft auch beschämt,
wenn ich mir die dann doch begrenzte Bereitwilligkeit von
unserer Generation vergegenwärtige, diesen Druck
aufzunehmen. Von uns, die wir die Mehrheit der Wählerinnen
und Wähler bilden und oft an Stellen von Gesellschaft und
Wirtschaft sitzen, an denen ein Unterschied gemacht werden
kann.


Gerade wegen dieses großen Veränderungsdrucks ist das
ablaufende Jahr für mich aber auch das Jahr wichtiger
Erinnerungen.


Denn auch vor 30 Jahren waren die Straßen voller
Menschen, die lautstark nach Veränderungen riefen, am
Anfang vor allem nach Freiheit und Unversehrtheit.


Sicher, die Themen, die Voraussetzungen und das auf die
Straße gehende Segment der Bevölkerung war
unterschiedlich. Aber auch vor 30 Jahren erzeugten sie den
Druck, der ein „Weiter so“ unmöglich machte.

Der weitere Verlauf der Geschichte ist jedoch auch bekannt.
Das, was 1989 mit großen Hoffnungen und vielen Hoffenden
begann, führte offensichtlich für einen nicht mehr zu
vernachlässigenden Teil der Gesellschaft, vor allem in Ost-
Deutschland in eine Situation, in der Egoismus der
schlimmeren Sorte, Menschenverachtung, Hass und
Verachtung für demokratische Institutionen ganz offen
vertreten werden. Oder zumindest sehr weitgehend tolerierbar
oder beklatschbar geworden sind.


Und deren Protagonisten neben Egoismus,
Menschenverachtung, Hass und Verachtung demokratischer
Institutionen eben auch kein belastbares Zukunftskonzept zu
bieten haben.


Die Gründe für diese Entwicklung sind ganz sicher
vielschichtig und vielfältig. Sie sind aber auch ein Warnsignal
für die Dinge, die sich im Zuge grundlegender Veränderungen
entwickeln können. Und zwar für diejenigen, die damals die
Dinge auf den Straßen getrieben haben und teilweise große
Enttäuschungen erleben mussten. Aber auch diejenigen, die
ohne große Hoffnungen „nur“ von Veränderungen betroffen
waren.


Gerade dieses Zusammendenken der Ereignisse von 2019
und 1989 erscheint mir deshalb so wichtig.


Nicht nur für meine Profession entsteht damit auch eine neue
Verantwortung. Uns nämlich ehrlich zu machen, welche
technischen und ökonomischen Trägheiten das Tempo der
notwendige Veränderungsprozesse beschränken werden. Und
welche Trägheiten in demokratischen Systemen existieren und
wie weit diese Trägheiten im Rahmen demokratischer
Gesellschaften abgebaut werden können – und ab wo es nicht
mehr um Trägheiten geht, sondern die Ausreden für
Nichthandeln beginnen.


Die neue Intensität normativer Forderungen, die uns 2019 mit
neuen Gesichtern gegenübergetreten ist, zwingt uns einerseits
dazu, neue und robustere Wege im Klimaschutz zu gehen.


Letztlich werden wir andererseits auch unsere
demokratischen Prozesse und Institutionen so erneuern
müssen, dass Veränderungen schneller gehen können, ohne
jemanden wirtschaftlich und gesellschaftlich zurückzulassen.


Eine weitere Öffnung der Schere zwischen arm und reich,
zwischen Einflussreichen und sich einflusslos Fühlenden
können wir uns nicht leisten. Nicht nur, aber eben auch aus
Gründen des Schutzes unserer natürlichen Lebensgrundlagen.


Wir werden dazu kommen müssen, unser Verständnis von
Demokratie neu zu begründen. Denn einer der gefährlichen
Vorwürfe lautet ja auch: Ihr gefährdet an anderen Stellen
dieser Erde Leben und Natur, um das Zusammenleben in
eurem Gemeinwesen nach eurem Demokratieverständnis zu
sichern. Insbesondere wenn ihr mit Demokratie und Freiheit
dann doch nur die Sicherung eurer Konsumniveaus meint.


Und die vermeintliche Attraktivität autoritärer Strukturen mit
Blick auf schnelle Veränderungen und Modernisierungen ist ja
groß, auch wenn man die Robustheit solcherarts
vorangetriebener Veränderungen, und um die geht es ja
gerade beim Klimaschutz, mit einem aufgeklärten Blick in die
Vergangenheit aus sehr guten Gründen in Zweifel ziehen
kann.


Wir brauchen ein klares Bewusstsein auch dafür, dass wir,
wenn auch nicht nur wir, die Freiheitsgrade haben, um Zukunftsmodelle zu entwickeln, die für andere attraktiv und
machbar sind.


Die großen Herausforderungen der kommenden 2020er
Jahre sind: Die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen, vor
allem mit Blick auf den Klimaschutz zu sichern. Und mit einer
lebendigen, leistungsfähigen und entscheidungskräftigen
Demokratie sowie mit einem Bekenntnis zur
verantwortungsvollen Freiheit zu verbinden. Damit das gelingt,
brauchen wir die Bereitschaft für schnelle Veränderungen auf
vielen Ebenen, jedoch auch ein Bewusstsein für die
technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Trägheiten, mit denen wir mit großer Wahrhaftigkeit
umgehen müssen.


Diese Wahrhaftigkeit muss jedoch mit der Anerkenntnis
beginnen, dass wir bisher bei weitem noch nicht das Mögliche
getan haben und dass wir im Prozess der Ausbalancierung
von eher inkrementellen Anpassungen und disruptiven
Veränderungen noch lange nicht dort angekommen sind, wo
der nicht mehr aushaltbare Bereich der Disruption beginnt.


Nur wenn es gelingt, mit diesem Spannungsfeld ehrlich und
wahrhaftig umzugehen, werden wir vermeiden können, dass
aus Hoffnungen und Hoffnungen wieder Frustration und
Frustrierte werden.


Wir brauchen eine neue Qualität von Ehrlichkeit und
Wahrhaftigkeit, von Solidarität und einen
verantwortungsvollen Umgang mit Hoffnungen und
Hoffenden. Und wir können das bei allem Wissen um unsere
Begrenzungen auch schaffen.


Ich wünsche Ihnen einen guten und nachdenklichen Start in
ein gesundes, friedliches und kraftvolles sowie im wahrsten Sinne des Wortes neues Jahrzehnt.