Ansprache zum Jahreswechsel · 31. Dezember 2010 · Barbara Stolterfoth

Posted by on Jan 10, 2011 in Predigten | No Comments

Das Armutsgebot findet sich an vielen Stellen in der Bibel. So sagt Jesus zu einem ratsuchenden Anhänger in Matthäus 19: „Wenn es Dir ums Ganze geht, dann verkaufe Deinen Besitz und gib das Geld den Armen.“ Und bei der Aussendung der 12 Jünger sagte er in Markus Kap6 „Zieht Sandalen an, aber kein zweites Hemd.“
Die Mahnung mindestens zum Masshalten findet sich in allen Religionen und vielen philosphischen Systemen. So war der griechische Philosoph Aristoteles der Ansicht, dass kein Bürger verdiene, mehr als das vierfache seiner Mitmenschen zu besitzen.
Helmut Schmidt ist da ein wenig grosszügiger. In einem Artikel in der „Zeit“ noch vor der Finanzkrise meinte er, das vierzigfache des durchschnittlichen Lohns für Manager und Banker sei ja notfalls noch angemessen, das vierhundertfache jedoch widerspreche der Vernunft und der Gerechtigkeit.


Inzwischen sind wir weiter: Der duchschnittliche Facharbeiter würde nicht einige Jahre, sondern mindestens vier Leben brauchen, um das gleiche zu verdienen wie der Bankier Ackermann in einem Jahr.Oder um ein anderes Beispiel zu nehmen, der Bankier Nonnenmacher kassiert als Abfindung das zehnfache des Jahresgehalts der Bundeskanzlerin.
Wohlgemerkt nicht dafür, dass er ein ganzes Land regiert, sondern als Prämie dafür, dass er aufhört, eine öffentlich- rechtliche Bank zu ruinieren.


Darf man Altkanzler Helmut Schmidt glauben, so ist etwas gründlich aus dem Lot geraten in unserer Republik.


Und nicht nur hierzulande, sondern international. Die Welt scheint in einem unheilvollen Zustand: In weiten Teilen der Welt herrschen Hunger und Bürgerkrieg. Der Klimawandel schreitet schneller voran als die Vernunft und Kompromissfähigkeit der Staaten. Und auch in den reichen Saaten des Westens steht nicht alles zum Besten:
Die Regierungen scheinen der entfesselten internationalen Spekulation und der Konzerne nahezu hilflos ausgeliefert. In allen westlichen Ländern wächst die Kluft zwischen arm und reich, zwischen dazugehörig und ausgegrenzt.. Die Armut wächst, und der Reichtum auch.


Und auch die Spannungen in der Gesellschaft wachsen. Viele Menschen haben Angst. Und wie das dann so ist: Schuldige werden gesucht und gefunden. Die gierigen Banker, die schmarotzenden Armen, die Ausländer, insonderheit die Muslime, die Politiker, überhaupt „die da oben“.


Aber bringt uns das weiter? Ich denke nein. Diese Schuldzuweisungen die ja nicht immer von Menschenliebe und Sachkenntnis geprägt sind, treiben die Spaltung der Gesellschaft in „wir und „die“ nur weiter voran. Und sie lösen kein einziges Problem.


Besser ist es, vom Ende her zu denken: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?


Wenn man so fragt, sind sich die Menschen in unserem Land erstaunlich einig. Sie wünschen sich ein Land, in dem Freiheit und Gerechtigkeit vorherrschen, ein Land, das jedem und jeder ein Minimum an sozialer Sicherheit und Lebenschancen gibt, ein Land, in dem Bürgerinnen und Bürger beteiligt werden, in dem ihre Meinung interessiert und gehört wird.


Und eine starke Minderheit der BürgerInnen wünscht sich ein Land, in dem sie ihre Lebensbedingungen mitgestalten können.


Einfache Wünsche, sollte man meinen.
Berechtigte Wünsche.
.
Lauter Wünsche, die dem Grundgesetz, demokratischer Tradition und sozialstaatlichen Grundsätzen entsprechen.


Und dennoch sind wir von ihrer Verwirklichung weit entfernt. Die Entfremdung zwischen Bürgern einerseits und ihren Repräsentanten andererseits nimmt inzwischen demokratiegefährdende Ausmasse an. Die BürgerInnen fühlen sich von ihren Repräsentanten nicht mehr repräsentiert, die Bürokratien verselbständigen sich, wie Beispiele wie die Berliner Flugrouten , das Berliner Wasser, Stuttgart 21 zeigen, Lobbyinteressen gehen vor Bürgerinteressen.


Was ist zu tun? Sollte die Demokratie westlicher Prägung geordnete Insolvenz anmelden wegen erwiesener Ineffizienz und mangelnder Marktgerechtigkeit? Müssen wir Angst haben vor dem Ruf nach dem starken Mann?


Zur Zeit beobachten wir etwas ganz anderes und neues: den Kampf der Bürgerinnen und Bürger, gehört und einbezogen zu werden, statt Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg akzeptieren zu müssen; das Ringen um das Gemeinwohl; das Ringen um die Rechenschaftspflicht der Entscheider.
Das ist gut und das ist richtig. Bürgerinnen und Bürger besinnen sich auf Ihre bürgerlichenen Tugenden und darauf, dass sie das Volk sind, von dem alle Staatsgewalt ausgeht. Das kann eine Verjüngungskur für unsere etwas erstarrte Demokratie werden.


Hinzukommen muss aber etwas anderes, nämlich ein öffentliches und privates Bewusstsein dafür, dass wir alle in unserer Gesellschaft zusammengehören, und dass diese Gesellschaft, so bunt und unterschiedlich und vielfältig sie ist, doch auf gemeinsamem Grund steht oder stehen sollte.Und dieser gemeinsame Grund kann nicht
christlich oder muslimisch sein, nicht ideologisch rechts oder links, nicht neoliberal oder sozialistisch. Dieser gemeinsame Grund ist etwas ganz einfaches, etwas, das jeder Mensch im Kopf und Herzen hat, etwas das zu den Geboten jeder Religion und Ethik gehört: Der Respekt und die Achtung vor jedem Menschen, die Nachstenliebe und die Barmherzigkeit.


Millionen von Menschen in unserem Land leben danach. Fast ein Drittel der BürgerInnen engagieren sich, wenn man den amtlichen Statistiken glauben darf- für das allgemeine Wohl und ihre Mitmenschen.
Das ist viel.
Das ist sehr viel.
Eigentlich ist es sogar überraschend.
Schliesslich werden wir seit mindestens zwanzig Jahren bombardiert mit neoliberalen Grundsätzen, dass nämlich Konkurrenz, Wettbewerb und ökonomische Effizienz das allein selig machende Prinzip für jeden Lebensbereich seien, nicht nur für die Märkte, sondern auch für Pflegeheime, Krankenkassen, Schulen und Arbeitswelt. „Unterm
Strich zähl ich“ und „wenn jeder an sich selber denkt, ist an jeden gedacht“ sind keine Sprüche mehr, die auf grossen Protest stossen.


Aber offensichtlich sind Menschen nicht so. Menschen sind soziale Wesen, nicht profitmaximierende Automaten. Menschen wollen Gemeinsamkeit, wollen Beziehungen miteinander, wollen Kooperation und Zusammenhalt. Interessanterweise haben neuere Forschungen gezeigt, dass schon einjährige Babies zu Mitgefühl und Hilfsbereitschaft fähig sind und die Kooperation suchen.


Und das ist unsere Aufgabe für die Zukunft: alles tun, was den Zusammenhalt stärkt, das Gefühl und das Verständnis füreinander.
Das braucht Kristallisationskerne, und Gemeinden wie die unsere sind solche Kristallisationskerne, um die herum sich nicht nur christliches Leben; sondern auch Gemeinsamkeit und gemeinsame Arbeit und Aktionen entwickeln.
Gemeindliche Besuchsdienste, Gesprächskreise, Gemeindeprojekte, Jugendarbeit sindpraktische Beispiele für Nächstenliebe und Zusammenhalt . Überhaupt kann der Beitrag der Kirchengemeinden für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft nicht hoch genug eingeschätzt werden. Aber auch Initiativen wie der Einsatz für den Erhalt
des Jugendcafés, die Initiativen gegen rechts, die Spende für den Sportverein, der gute Jugendarbeit macht.und viele kleine Initiativen tragen dazu bei, unsere Gesellschaft ein bisschen liebens- und lebenswerter zu machen. Das kann übrigens auch politisch sein, wenn Einfluss auf die BVV genommen wird für mehr Schulsozialarbeit oder die Einstellung von Familienhebammen.
Zusammenhalt stärken, das bedeutet aber eben auch: alles bekämpfen, was den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft schwächt. Und da gerät das persönliche Bürgerengagement schnell an seine Grenzen:
Die schönsten Aktionen für den Jugendtreff nützen nichts, wenn der Bezirk Pankow kein Geld hat und auch der Senat nur darauf verweisen kann, dass Berlin hochverschuldet ist.
Da muss sich grundsätzlich etwas ändern.


Der demokratische Staat kann Lebensverhältnisse seiner Bürger nur noch
unzureichend gestalten. Und die Zivilgesellschaft allein ist damit auch überfordert.


„Da kann man ja doch nichts machen“ heisst es dann, „Das ist eben der Kapitalismus“ oder „die Globalisierung“ oder „die Unfähigkeit der Politiker“. Da kann man halt nix machen.“


Das ist eine Ausrede.
Man kann immer etwas machen.
Das haben die DDR Bürger bewiesen, die vor etwas mehr als 2o Jahren auf die Strasse gingen Das haben die Kirchen in der DDR bewiesen, die eine Zuflucht für Christen und Andersdenkende waren.


Für sie alle wars gefährlich.
Heute ist es das nicht.


Natürlich: Sie als Person sind machtlos gegen internationale Finanzspekulation. Aber Sie können Ihrer Bank auf die Finger sehen und Konsequenzen ziehen.
Sie können die Parteien wählen und die Organisationen unterstützen, denen Sie am ehesten zutrauen dagegen zu kämpfen. Und Sie alle können Ihre Abgeordneten wissen lassen, dass Sie genau dies von Ihnen erwarten.


Sie als Person und als einzelner werden den Klimawandel nicht stoppen. Aber Sie können einen winzigen Beitrag dazu leisten, indem Sie sich für Ökostrom entscheiden oder dafür, weniger Fleisch zu essen.


Sie persönlich können den Hunger auf der Welt nicht abschaffen,
Aber Sie können für Brot und die Welt spenden und einige der Organisationen aktiv unterstützen, die sich den Kampf gegen den Hunger auf die Fahnen geschrieben haben, auch hier in unserer Gemeinde.


Sie persönlich können die Spaltung in unserer Gesellschaft nicht abschaffen. Aber Sie könnten eine Patenschaft für den Sportverein oder den Musikunterricht oder die Nachhilfe für ein HartzIV Kind übernehmen.


Und Sie könnten es Ihre Abgeordneten massenhaft – und die Betonung liegt auf massenhaft!- wissen lassen, dass es eine Schande ist in einem reichen Land, dass die Steuern für Hoteliers, Erben und Besserverdienende gesenkt werden und gleichzeitig kein Geld da ist, um auch armen und benachteiligten Kindern einen ordentlichen Start ins Leben zu ermöglichen; und kein Geld für eine menschenwürdige Pflege locker
gemacht werden kann oder für eine gerechtere medizinische Versorgung.


Und unterschätzen Sie nicht die Wirkung solcher Einwirkungen per Brief oder in der Sprechstunde oder per email oder face book auf Ihre politischen Repräsentanten. Das wirkt! Wenn alle Bürgerinnen und Bürger sich so verhalten würden, könnte das sogar ein Gegengewicht gegen Lobbyeinfluss sein. Und selbst wenn es keine unmittelbares Ergebnis gibt, so erhöht es doch wenigstens die Gewissensqualen der Abgeordneten. Und das ist auch schon ein Ergebnis, die Vorstufe zur Einsicht.


Sylvester ist die Zeit der guten Vorsätze fürs neue Jahr. Wie wärs mit dem guten
Vorsatz:
Anpacken und
Sich einmischen!


Eine Zeitlang waren Weihnachstkarten in Mode, die einen Globus zeigten, umrundet von Kindern, die sich an den Händen halten. Und darunter stand der Spruch:
Wenn viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten auf der Welt viele kleine Dinge tun, dann können sie die Welt verändern!


Also: Verändern wir die Welt – jede und jeder an seinem Platz, nach seinen
Möglichkeiten und nach seinen Kräften.


Dabei wünsche Ihnen allen, uns allen viel Erfolg – und Gottes Segen!


Kommen Sie gut ins neue Jahr!