//

Predigt · 4. Sonntag vor der Passionszeit · 10. Februar 2019 · Pfarrer Michael Hufen

Posted on Feb 18, 2019 in Predigten

Markus 4, 35 – 41

Liebe Gemeinde,
ein toller Text!
Leider haben wir erst einmal nur die Zeit der Predigt, um darüber
nachzudenken. Hier steckt soviel drin, dass man eigentlich einen
ganzen Glaubenskurs damit bestreiten kann.


An welchen Bildern und Personen sind sie beim ersten Hören
hängengeblieben? Welche Gedanken und Fragen sind ihnen durch
den Kopf gegangen?


Ich lese den Text noch einmal vor:


Starke Bilder: ein Sturm auf dem Meer – auch wenn es hier nur das
galiläische Meer – der See Genezareth ist. Nur der ist etwas größer
als die Müritz und wer da schon einmal bei zunehmenden Wind
unterwegs war, weiß, dass es echt gefährlich ist. Also starker
Wind, der das Wasser heftig in Bewegung setzt, heranstürmende
schwarze Wolkenberge und mittendrin ein kleines Fischerboot,
vielleicht 20 Fuß lang, das schon heftigst durchgeschüttelt wird,
die Schoten des Segels haben sich losgerissen, das Segel schlägt
und hängt schon in Fetzen. Die Besatzung versucht Kurs zu halten,
Wasser zu schöpfen, damit das Schiff nicht absäuft und vorne im
Boot liegt einer und schläft – tief und fest – und genau von dem
wird erwartet, dass er das Boot und die Besatzung retten kann.


Sind sie bei der folgenden Wundergeschichte hängengeblieben?


Wunder – in unserer Bibel werden viele erzählt Gott erscheint im
Dornbusch, der brennt aber nicht verbrennt, er rettet die
Israeliten am Schilfmeer und Jesus – er begegnet uns geradezu als
der Mann der tausend Wunder.


In der Theologie ist es mit den Wundern nicht so einfach. Kann
man als aufgeklärter Mensch im 21. Jahrhundert an Wunder
glauben. Jesus, der die Jünger zu wunderbaren Fischzug führt, der
übers Wasser geht und, wie in unserer Geschichte, den Sturm stillt.
Wir erklären Vorgänge naturwissenschaftlich und was in dieses
Erklärungsmuster nicht hineinpasst wird gerne als nicht wirklich
in den Bereich des Glaubens verwiesen.


Nur dieser Gegensatz von Glauben und Wissen, der so glasklar zu
sein scheint, existiert eben nicht auf diese Weise. Nicht nur weil
Dinge geschehen – z.B. in der Medizin – die sich einer eindeutig
wissenschaftlichen Erklärung entziehen, sondern auch, weil gerade
im Bereich der Physik, aber auch dem Bereich der Biologie und er
Sozialwissenschaft immer wieder Phänomene entdeckt werde, die
den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen.
Scheinbar feststehende Erklärungsmodelle wanken und werden
durch neue ersetzt, die dem aktuellen Stand der Forschung
entsprechen


Ich denke, dass – wenn ich glaube, dass es Gott gibt und – dass
Jesus Gottes Sohn ist, dass dieser das größte vorstellbare Wunder
vollbracht hat – nämlich die Auferstehung von den Toten – wenn
ich das glaube, dann frage ich nicht mehr ob Jesus den Sturm
gestillt hat, sondern ich frage, warum er das so spät gemacht hat
und davor geschlafen hat.


Wenn es um die mögliche Erklärung der so fremd und
unwissenschaftlich anmutenden Geschichten der Bibel geht, ist
doch nicht die Frage, stimmt das auch gegen alle wissenschaftliche
Wahrscheinlichkeit?, sondern: worum geht’s in der Geschichte
überhaupt, auf welche Grundfrage des Menschseins und des
Glaubens finde ich darin eine Antwort?


Was ist bemerkenswert an der Geschichte?
Jesus schläft. Er verschläft die Dramatik dieser Situation. Das ist umso merkwürdiger als die Evangelien einen stets
geistesgegenwärtigen Jesus präsentieren und dies von
Kindesbeinen an, als er mit den Gelehrten im Tempel diskutiert bis
hin zum Ölberg, wo er voller Klarsicht das Leiden als seine Mission
der Hingabe und Erlösung auf seine Schultern nimmt. Das zeichnet
Jesus aus: eine unerhörte Wachheit und Aufmerksamkeit in allen
Begegnungen und Beziehungen, die er eingeht. Und das ist es
doch, was ihn bei Menschen so anziehend macht und sie mit dem
lebendigen Gott in Berührung bringt. Umso eigenartiger, daß Jesus
einen Sturm verschläft, in dem es für seine Freunde ums Ganze
geht – um Leben und Tod.


So stellt sich mir die Frage: ist dieser Schlaf Jesu wirklich ein Akt
der Unaufmerksamkeit und Schwäche Jesu oder ist er genau das
Gegenteil: eine bewusste Zeichenhandlung; sozusagen ein
pädagogischer Schlaf, mit dem eine Botschaft verbunden ist.


Jesus schläft, während die Menschen mit einem offensichtlich
nicht geeigneten Schiff oder ungeeigneten Aktionen versuchen
den Herausforderungen des Sturms zu widerstehen.


Stürme des Lebens. Welche haben wir schon überstanden, welche
sehen wir am Horizont heraufziehen?


Was, wenn nicht die Stürme das Problem sind, sondern unser
Schiff?
So jedenfalls deutet es ein berühmtes Bild, das vor tausend Jahren
von einem Mönch der Insel Reichenau im Bodensee für das
Messbuch Kaiser Heinrichs gemalt wurde. Das Aufregende an
diesem Bild ist, dass dort nicht die aufgewühlte See als Bedrohung
dargestellt wird, sondern das Boot, in dem sich die Jünger mit
Jesus befinden.


Das Boot ist als Seeungeheuer dargestellt. Das zerrissene Segel des
Boots sieht aus wie eine Schwanzflosse und der Bug des Bootes
hat die Form eines Mauls, das alles zu verschlingen droht. Im Boot
sieht man die ratlosen, angsterfüllten Gesichter der Jünger, die
entweder mit hektischen Bewegungen Wasser aus dem Boot
schöpfen oder resigniert in einer Ecke kauern und auf ihren
Untergang warten.


Das Bild legt dem Betrachter mit dieser Darstellungsweise nahe,
dass es gerade diese Haltung der Jünger ist, die das Boot zu einem
Dämon werden lässt. Ihr hektischer Aktionismus, gepaart mit
Orientierungslosigkeit und Resignation führt dazu, dass das Boot
dem Abgrund näher ist als der Rettung.


Mit welchen Mitteln versuchen wir, den Stürmen der Zeit zu
wiederstehen?
Wir reden häufig von Sturm, Welle und Flut wenn wir politische
Ereignisse beschreiben.
Mit Aktionismus versuchen wir uns auf die neuen Situationen
einzustellen, uns zu arrangieren und wo nötig auch zu helfen.
Manchmal wünsche ich mir bei uns Menschen ein wenig mehr
Ruhe, Nachdenken, Besinnen und erst dann Aktion.
Was kann ich wissen über Ursachen von Geschehnissen?


Wir wissen unglaublich viel über die Zusammenhänge unserer
Lebensführung und unseres Konsums mit der fortschreitenden
Umweltzerstörung.


Wir sehen die Eskalation der Herrschaftsansprüche der USA,
Chinas, Russlands und sind als Deutsche 30 Jahre nach dem
Mauerfall tatsächlich der Meinung, dass erneut atomare Rüstung
und kalter Krieg des Mittel der Wahl ist, das Frieden sichert und
Zukunft ermöglicht?


Wir schauen gebannt auf die kontinuierlich wachsende
Zustimmung für die AFD und denken wirklich, dass man dieser Partei nur das Etikett NAZI umhängen muss, damit sie nicht mehr
gewählt wird?


Vielleicht sollten wir es mal wie Jesus machen.
Einfach mal hinlegen und eine Nacht drüber schlafen. Nicht weil
wir erschöpft sind von all diesen Schreckensmeldungen, sondern
weil wir wissen, dass uns Schlaf gut tut. Wir sind hinterher meist
frischer als davor, aber vor allem verarbeiten wir im Schlaf die
Ereignisse des vergangenen Tages, wir verlassen die Welt des
Schaffens und Könnens und werden so, wie wir vom ersten Tag
unseres Lebens an waren: voll mit Träumen und Wünschen, und
auf Schutz und Geborgenheit angewiesen.


Im Schlaf steigen Träume in uns auf, die uns tiefere, verborgene
Schichten unseres Menschseins öffnen, die uns bisweilen sogar die
Situation unseres derzeitigen Lebens wie in einem Brennglas vor
Augen führen und uns einen Weg öffnen, wie es in unserem Leben
weitergehen kann.


Was darf ich hoffen? Das Wunder geschehen! Das tatsächlich
Vernunft und Einsicht in die Köpfe der Menschen einziehen und
wir erkennen, dass wir unsere Lebensweise grundlegend ändern
müssen, wenn wir diese Welt auch noch an unsere Enkel
weitergeben wollen. Dass der Gedanke von Frieden und
Gerechtigkeit nicht nur das immer gleiche Lippenbekenntnis ist,
weil es das eben nicht geben wird, wenn es weiter eine kleine
Gruppe von Menschen gibt, die gerade im Gegenteil ihren Profit
machen. Ja dass auch das Etikett NAZI nicht hilft, wenn es um
grundsätzliche Fragen des sozialen Zusammenhalts hier in diesem
Land geht.


Vielleicht fällt uns im Schlaf auch ein, was Jesus gesagt hat, bevor
er eingeschlafen ist. Er sprach vom kleinen Senfkorn und der
aufgehenden Saat.


Wovor haben wir solche Angst?
Das Gott in Zeiten der Bedrängnis nicht da ist. Das wir angesichts
von Leid, Elend, Krankheit und Tod fragen, ob er denn überhaupt
da ist.


Anfechtung und Angst gehören zum Menschsein und sie gehören
zum Glauben. Wenn es leicht wäre, dann würden wir
wahrscheinlich nicht schon seit 2000 Jahren das Vaterunser beten.


Unser Glaube wird manchmal über das Maß des Erträglichen auf
die Probe gestellt. Es bleiben Fragen offen, auf die nur Gott
antworten kann, der die Toten auferweckt. Denn wir sehen jetzt
durch einen Spiegel ein dunkles Bild, und manchmal scheint dieser
Spiegel ganz blind zu sein, und wir sehen gar nichts mehr. – Was
tun wir dann: Halten wir uns an die leuchtenden Worte Christi:
Fürchtet euch nicht! Ich bin bei euch!


Das Schiff der Jünger hat das rettende Ufer erreicht. Sollte nicht
auch unser Lebensschiff, durch Stürme, durch Gefährdungen
hindurch, ja selbst durch die Fluten und das Dunkel des Todes hindurch das andere Ufer erreichen, den hellen Morgen der
Ewigkeit?
Amen